"Das schaffen wir auch", sagten sich Beate Liepold und Grit Faber, beide Sonder schullehrerinnen an der Heinrich-Schaumberger-Schule in Coburg. Vor einem Jahr besuchten die Pädagoginnen privat das Musical "Dschungelbuch" am Gymnasium Albertinum. "Da spielten geistig behinderte Schülerinnen und Schüler mit", erzählt Liepold, die von der Leistung der Kinder sehr angetan war und sich vornahm: "Das können wir auch."
Gesagt, getan: Schnell wurde der Stoff gesichtet und geprüft, ob er für die Schüler des Sonderpädagogischen Fachzentrums geeignet war. Und so entstand das Musical "Rotkäppchen". Aber nicht einfach nur das Märchen, nein: Ein rappendes Rotkäppchen sollte es sein.
"Wir haben wieder und wieder geübt und das ganze Jahr lang feste geprobt", erklärt Beate Liepold. Sportlehrer wie Monika Schäfer übten mit den Kindern die Tänze ein, begleiteten und dirigierten sie vor der Bühne vom Publikum aus auch während des Musicals konzentriert mit den Händen. "Das ist ja das Schöne", erklärt Schäfer, die für die kleinen Hasen und die Jäger die Choreografie erstellte. "Unser Musical ist nicht nur für die Kleinen, sondern auch für die großen Schüler geeignet."
Nicht nur fast alle Schüler - es gibt 20 Klassen und 210 Schüler - sondern auch die Lehrkräfte packten fleißig mit an. "Die Handarbeitslehrer wurden für die Kostüme herangezogen", berichtet Liepold lachend. "Die Schüler gestalteten und malten das Bühnenbild selbst." So habe sich das Stück langsam entwickelt, ergänzt sie. "Wir haben viel mehr helfende Hände benötigt, als anfangs gedacht." Als Vorleserin, die die einzelnen Darbietungen und Tänze miteinander verknüpft, fungiert nun Lesementorin Beate Harder, die mit Mikrofon auf einem Stuhl neben der Bühne sitzt. Für den Chor zeichnet Elke Hopf verantwortlich.
Am Dienstagvormittag ist es endlich soweit: Vorhang auf für die Premiere. Das erste Musical an der Heinrich-Schaumberger-Schule überhaupt geht über die Bühne. "Ihr habt den großen Teil des Schuljahres geprobt", sagt Rektor Veit Schmitt und freut sich, dass die Generalprobe am Vortag "so gut geklappt hat". Die Kinder fieberten ihrem Auftritt entgegen: "Für sie ist es von der Disziplin her wahnsinnig anstrengend", erläutert Liepold. Die Leistung der Schüler könne man gar nicht hoch genug schätzen. Der ganze Wald lebt und tanzt, Hasen und Füchse mischen sich unter die vielen, vielen Blumenkinder, die sich mit bunten Tüchern im Wind wiegen. Und dann naht leichtfüßig ein kleines Mädchen, ganz in Rot gekleidet, singend und - oha - auch rappend: "Ich bin das Rotkäppchen - yeah - yeah."

Trügerische Idylle

Doch die Idylle täuscht: Die Mutter warnt Rotkäppchen vor der Gefahr im Wald. Sie solle doch zügig zu Großmutters Häuschen marschieren und sich nicht ablenken lassen. Ganz klar, es kommt wie es kommen muss: Am Ende liegt der böse Wolf satt und schnarchend im Bett und eine Horde Jäger macht sich auf die Suche nach der armen Großmutter und dem Rotkäppchen. Die beiden kommen flugs wieder hervor, nachdem der Bauch des Wolfes aufgeschnitten wurde: "Nie wieder", so schwört sich das kleine Mädchen und rappt, was das Zeug hält. "Nie wieder will ich mehr vom Weg abkommen, wenn die Mutter es mir verboten hat."
Laura-Marie Büchner, die das Rotkäppchen spielt, ist elf Jahre alt. "Ich habe viel mit Frau Liepold geübt, um den Takt zu halten", erzählt sie begeistert. "Vor so vielen Leuten zu singen und zu spielen, fand ich erst mal komisch. Es hat mir aber gut gefallen. Ich habe noch einen Auftritt, darauf freue ich mich. Beim dritten Mal darf dann meine Vertretung das Rotkäppchen spielen."
Fabian Wittmann ist zehn Jahre alt. Er spielt den bösen Wolf. Er verrät: "Den Wolf zu spielen, fand ich leicht. Ich habe jeden Tag zu Hause geübt und Musik gemacht und getanzt. Insgesamt haben wir drei CDs vom Rotkäppchen gekauft, weil die so beansprucht wurden, dass sie nach und nach kaputt gegangen sind."