Wer Rolf Miller unterschätzt, ist selber schuld. Sicher: Im ersten Moment mag der Kabarettist aus dem Odenwald als reichlich schlichtes Gemüt erscheinen. Einer, der einfach keinen Satz zu Ende bringen kann und sich immer nur im Dickicht banalster Dinge verliert.


Verirrt im Sprachlabyrinth


Doch Vorsicht: Die Sätze, die Miller halb vollendet in der Luft hängen lässt, sind mitnichten harmlos. Wer Miller live auf der Bühne erlebt (wie die gut 500 Menschen am Samstagabend im Coburger Kongresshaus), landet unweigerlich in einem Sprachlabyrinth, aus dem es kein Entrinnen gibt. Man darf sich von Millers stets freundlichem Gesicht nicht täuschen lassen: ein Verharmloser ist der schon mit einer Reihe von Preisen bedachte Kabarettist ganz und gar nicht.


"Alles andere ist primär


Im proletarischen Plauderton schlendert er durch die Welt, berichtet von allerlei Alltagsereignissen mit Frauen wie der "Sirene" und dem "Apparat" und führt doch immer wieder scheinbar beiläufig ganz nahe an menschliche Abgründe. Mögen manche von Millers Kabarett-Kollegen besonders gerne die Rolle der Zynikers spielen: Miller ist der Typus des Alltagsphilosophen. Das gilt auch für sein um die Fußball-Weltmeisterschaft genauso wie die Ukraine-Krise aktualisiertes Programm, mit dem Miller nach ziemlich genau fünf Jahren wieder einmal nach Coburg kommt. "Alles andere ist primär" - einer dieser typischen Miller-Titel, die die Banalität wohlfeiler Sprechblasen dadurch entlarvt, dass sie am Ende plötzlich in die scheinbar falsche Richtung umgebogen werden.


Namenloser Antiheld


Millers Kunstfigur, dieser namenlose Antiheld, der wie viele seiner Generationsgenossen die 80-er Jahre zwar erlebt, die Erinnerung daran aber irgendwo zwischen Bier und Einstiegsdrogen verloren hat, verfügt über das gesammelte Halbwissen aller Stammtische dieser Welt. Und was Miller nicht weiß, haben halt seine imaginären Kumpels Jürgen und Achim erlebt.


Erschreckendes Erkennen


Weil Miller dieses Halbwissen so gnadenlos vermischt, wird aus dem vermeintlichen Unsinn immer wieder ein erschreckendes Erkennen. Denn die halbfertigen Sätze Millers - sie klingen im Kopf der Zuhörer unweigerlich nach.