Der niederländische Publizist und Filmemacher Theo van Gogh war ein Provokateur, viele sagen, ein wirklich übler. Der Urenkel des Bruders von Vincent van Gogh rief mit offenen Beschimpfungen, zynischen Äußerungen, geschmacklosen Witzen und seinem Antisemitismus immer wieder Kontroversen in den Medien hervor. Als er 2004 von dem islamischen Fundamentalisten Mohammed Bouyeri auf offener Straße ermordet wurde, ehrte man ihn als Märtyrer der Meinungs- und Pressefreiheit. Von seinen 19 fertig gestellten Filmen abgesehen veröffentlichte er 2003 auch eine Theaterfassung von "Das Interview".

Dieses Kammerspiel der menschlichen Abgründe fasziniert den Coburger Schauspieler Frederik Leberle schon lange. Letztes Jahr landete Leberle mit seiner ersten eigenen Inszenierung, Wolfgang Herrndorfers Jugendstück "Tschick", einen auch in dieser Saison noch anhaltenden Erfolg. Also lässt ihn die Theaterleitung weitermachen - mit dem von ihm vorgeschlagenen und als hintergründig und raffiniert beschriebenen Stück. Am Samstag bringt Frederik Leberle nun "Das Interview" auf die Bühne der Reithalle.


Wer sind die beiden tatsächlich?

Zwei Menschen, die sich an sich nicht für einander interessieren, treffen zwangsweise aufeinander. Pierre, der engagierte Politikjournalist und ehemalige Bosnien-Kriegsberichterstatter, wird verpflichtet, ein Interview mit der Soap-Darstellerin Katja zu führen. Pierre macht beim Termin in Katjas Wohnung keinen Hehl aus seiner Verachtung für das scheinbar oberflächliche TV-Sternchen, zumal gerade in dieser Stunde die niederländische Regierung zurücktritt. Katja wiederum hat sich auf einen weltfremden, blasierten Kulturjournalisten eingestellt.

(Tatsächlicher Hintergrund für das Stück war der Skandal um die verordnete Tatenlosigkeit der niederländischen UN-Soldaten 1995 während des Massakers von Srebrenica an mehr als 8000 Muslimen. Gleichzeitig stiegen die Niederlande in den 90er Jahren zum größten TV-Unterhaltungsproduzenten auf, maßgeblich durch die Firma endemol. Die niederländische Schauspielerin Katja Schuurman spielte sich in van Goghs Film selbst.)

Frederik Leberle geht es in seiner Interpretation jedoch nicht in erster Linie um die Rolle der Medien in unserer Gesellschaft und ihren unrühmlichen Beitrag zur fortschreitenden Verblödung der Massen. "Das Gespräch gerät so schnell außer Kontrolle", sagt Leberle, "weil diese beiden Figuren so viel auf der Seele haben, das sie unbedingt loswerden müssen. Da entwickelt sich eine spannende Verbalschlacht, in der jedes Mittel recht wird, um die Oberhand zu behalten, Täuschungen, Notlügen, Masken werden aufgesetzt und heruntergerissen, Psychokrieg mit allen Mitteln."

Dahinter aber, verspricht Leberle, öffnet sich der Blick auf grundsätzliche Fragen und Mechanismen des menschlichen Miteinanders. Die heftige Auseinandersetzung, das Ringen um Schein und Realität könne auch außerhalb der formalen Interview-Situation in Gang kommen, zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, vor Gericht, in Prüfungssituationen, in welchem Diskussionsrahmen auch immer. Deshalb haben Leberle und Bühnenbildner Udo Herbster ein eher abstraktes, "ästhetisiertes Bühnenbild" für den Kampf um die Wahrheit gewählt.


Mit emotionaler Intensität

Die Fragen nach Wirklichkeit und Erinnerung werden mit emotionaler Vehemenz gestellt. Die beiden Streitenden wollen erkennen, aber auch erkannt werden. Die Spirale der psychologischen Kriegführung springt in immer neue Bereiche, kündigt Frederik Leberle an. Er will dabei vor allem die Menschlichkeit der Figuren darstellen, sie als differenzierte Charaktere zeigen. Die Zuschauer, so wünscht es sich der Regisseur, sollen am Ende selbst fragen, infrage stellen.

Frederik Leberle will sich übrigens in beiden Wirkungsbereichen weiterentwickeln. "Es macht viel Spaß für das gesamte künstlerische Konzept einer Inszenierung verantwortlich zu sein, ist aber auch viel Arbeit. Ich stehe nach wie vor aber viel zu gerne selbst auf der Bühne, um gänzlich die Seiten zu wechseln." Als Schauspieler wird er ab 8. November die Legende vom Ozeanpianisten in Alessandro Bariccos "Novecento" erzählen.


Der Autor Theo van Gogh, geboren 1957, ermordet 2004 von einem islamischen Fundamentalisten, arbeitete für Funk und Fernsehen, schrieb provokante Kolumnen und galt schon seit langem in den Niederlanden als Enfant terrible, der die multikulturelle Offenheit der Gesellschaft, den Islam an sich, aber auch christliche und jüdische Symbole und Werte beleidigend attackierte. Für seine Filme "Blind Date" (1996) und "Aus Staatsraison" (1997) erhielt er den niederländischen Filmpreis Gouden Kalf (Goldenes Kalb). Die Bühnenfassung von "Das Interview" wurde am 28. Mai 2003 am Tuschinski Theater in Amsterdam uraufgeführt, die Uraufführung der deutschen Fassung fand 2006 im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt statt.

Die Inszenierung "Das Interview". Schauspiel von Theo van Gogh. Inszenierung Frederik Leberle. Bühnenbild und Kostüme Udo Herbster. Dramaturgie Denise Burkhardt. Darsteller: Sarah Zaharanski und Nils Liebscher.

Premiere am Samstag, 26. September