Endlich sind Ferien in Bayern. Die Schule ist für die nächsten Wochen weit weg, Ausschlafen ist angesagt. Nicht aber für Julie, Sarah, Alina und ihre acht Mitstreiterinnen. Die Mädchen sind freiwillig früh aufgestanden, um pünktlich um 8.45 Uhr an der Maschine zu stehen beziehungsweise am Computer zu sitzen. Die Schülerinnen, alle zwischen zwölf und 14 Jahren alt, haben einen der begehrten Plätze im "Mädchen für Technik-Camp" bei der Coburger Firma Brose ergattert und können sich nun fünf Tage lang als Mechatronikerin, Wergzeugmechanikerin und technische Produktdesignerin ausprobieren.
Sarah Weiss zum Beispiel ist zwölf Jahre alt und besucht normalerweise das Coburger Gymnasium Alexandrinum. An diesem Dienstag sitzt sie an einer der Werkbänke und biegt einen Draht zurecht. Neben ihr: Brose-Auszubildender Leo Voß. Er erklärt, was zu tun ist, und gibt bei Bedarf Hilfestellung. Aus den Drähten soll in wenigen Stunden eine Blume mit Leucht-LEDs werden.
"Drähte löten finde ich ganz spannend", sagt die Zwölfjährige, während sie konzentriert mit der Zange hantiert. An dem Camp nimmt sie teil, weil sie "sehen wollte, was man ganz allgemein mit Technik machen kann". Besonders für Mechatronik interessiere sie sich sehr, sagt Sarah. "Das könnte ich mir schon gut als Beruf vorstellen."
Für Alina Kittel, die ein Stockwerk tiefer am Schraubstock arbeitet, ist das sogar ein ganz klarer Berufswunsch. "Ich wollte schon immer Mechatronikerin werden", sagt die 13-Jährige aus Hirschaid selbstbewusst. Ihre Aufgabe ist es heute, an der Fräse ein "Brosianer-ärger-dich-nicht"-Spiel herzustellen. Den Spielwürfel hat Alina schon mit Löchern versehen, doch jetzt sind alle Fräsmaschinen besetzt. Die Wartezeit nutzt die 13-Jährige, um für ihre Schwester ein metallenes "R" als Anhänger auszuschneiden und glatt zu feilen.
Die Mädchen tragen Schutzbrillen, Sicherheitsschuhe und Basecap. Sie sollen die Maschinen selbst bedienen können, erklärt Ausbildungsleiter Manuel Truckenbrodt. "Sie sind mit Spaß und Eifer bei der Sache. Von Schüchternheit keine Spur!"
Mädchen frühzeitig für technische Berufe zu interessieren, das ist das Ziel der Bildungsinitiative vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw). "Bei den weiblichen Top-5-Berufen ist immer noch kein technischer Metallberuf dabei. Das soll sich ändern", sagt Patrick Püttner, oberfränkischer Geschäftsführer des Verbandes der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeber (bayme vbm). "Hier können die Mädchen praktische Erfahrungen sammeln." Das sei wichtig, so Püttner, um später die richtige Berufswahl zu treffen.
Das Alter, zwölf bis 14, sei dazu ideal, weiß Michael Stammberger, Leiter der Aus- und Weiterbildung bei der Brose Gruppe. "In diesem Alter sind sie noch wissbegierig, später scheuen sie oft das Ausprobieren." Es müssten auch nicht gleich alle elf Teilnehmerinnen am Ende einen technischen Beruf ergreifen, sagt Stammberger schmunzelnd. "Aber wenn es zehn Prozent sind, sind wir zufrieden."
Brose beteiligt sich seit 2003 an der Initiative. Bayernweit nehmen heuer 15 Unternehmen teil, Brose ist das einzige aus Oberfranken.
Heute arbeiten die Mädchen noch einmal an ihren Werkstücken. Zum Abschluss können sie dann morgen ihre LED-Blumen, Würfelspiele und Kopfhörerhalter aus dem 3D-Drucker ihren Eltern präsentieren.