Lange hat sie sich rar gemacht in ihrer Heimatstadt und inzwischen ein gründliches, erfolgreiches Gesangsstudium hinter sich gebracht. Auch ein erstes Engagement an der Leipziger Oper hat sich eingestellt, wo sie derzeit als Wirtin in der Operette "Im weißen Rößl" große Triumphe feiert.
Nora Lentners große Liebe gehört aber dem Kunstlied, ihrem zweiten Standbein, auf dem sie ebenfalls recht erfolgreich ist. Hier kann sie subtiler als auf der Bühne gestalten, was ihre große Stärke ist. Denn sie überzeugte bei diesem Liederabend nicht nur durch ihren angenehm timbrierten, tragfähigen und leuchtenden Sopran, sondern ebenso durch ihre dem jeweiligen Text angepasste intensive Ausdruckskraft, die sie temperamentvoll bei deutlicher Aussprache mit angemessener Mimik und Gestik zu unterstreichen verstand.

Bewundernswert auch ihre Textsicherheit, indem sie alle 35 Lieder des Programms sicher auswendig vortrug.
Ein Glücksfall für sie ist auch die technisch wie musikalisch vorzügliche Pianistin Klara Hornig, die selbst schwerste Begleitungen etwa eines Hugo Wolf überlegen meisterte und mit differenziertem Anschlag auf jede gestalterische Feinheit der Sängerin einging. Ein bestens aufeinander eingestimmtes Duo!
Es war nicht nur ein recht umfangreiches, sondern auch sehr anspruchsvolles Programm. Sieben Brahms-Lieder und der Zyklus "Frauenliebe und -leben" op. 42 von Robert Schumann bildeten den ersten Teil dieses Konzertes. Hymnisch begann Nora Lentner mit "Versunken" von Brahms, gefolgt von dem ausdrucksvoll lyrisch gesungenen "Alte Liebe". Beeindruckend andächtig geriet "Auf dem Kirchhofe", gefolgt von dem stürmischen "Meine Liebe ist grün" und dem neckisch vorgetragenen "Vergeblichen Ständchen".


Der erste Schmerz

Eine breite Gefühlspalette zeigte die Sängerin sodann in dem achtteiligen Schumann-Zyklus, dessen Lieder in ihrer Grundstimmung hervorragend erfasst und fesselnd wiedergegeben wurden. Vom innigen "Seit ich ihn gesehen" bis zum wehmütigen "Nun hast du mir den ersten Schmerz getan" erlebte man eine nachdrückliche Interpretation der Chamisso-Vertonungen, an welcher die sensible Pianistin Klara Hornig ihren gebührenden Anteil hatte.
Nach der Pause folgten vier späte Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy in abgerundeter, klangvoller Wiedergabe und nicht weniger als 15 Miniaturen aus dem 46-teiligen "Italienischen Liederbuch" von Hugo Wolf. Hier konnte Nora Lentner noch treffender ihre Gestaltungsfähigkeit demonstrieren, kommen doch in den Liedern die unterschiedlichsten Stimmungen zum Tragen.
Nach dem launigen "Ich hab' in Penna einen Liebsten wohnen", wo auch das Klavier im Nachspiel virtuos gefordert wird, gab es starken, anerkennenden Beifall der zahlreichen Zuhörer, die den weiteren Weg der begabten Nachwuchssängerin sicher mit Interesse verfolgen werden.