Vor allem ist es die Angst, die es Reinhilde Weber immer schwerer macht, alleine zu leben. Vor allem nachts möchte sie mit ihren 87 Jahren nicht mehr ohne einen anderen Menschen in ihrem Haus in Buchenrod leben. Zwar ist im Obergeschoss eine Wohnung vermietet. Doch die junge Frau, die dort eingezogen ist, ist eben auch nicht immer da. Mit dem Projekt "Zusammen leben" wurde jetzt eine Lösung für Reinhilde Webers Problem gefunden - in dieser Form erstmals in Bayern und für diesen Fall geradezu ideal, wie alle Beteiligten finden.
Es war vor gut einem halben Jahr, dass Reinhilde Webers Tochter Ingrid Gegenfurtner auf das Projekt aufmerksam wurde, das von der Fachstelle für pflegende Angehörige und dem Amt für Jugend und Familie im Landkreis Coburg betreut und begleitet wird. "Ich habe es in der Zeitung gelesen und gleich gedacht, das wäre eventuell was für meine Mutter", erzählt sie.

Die eine Variante gibt es schon relativ oft

Das Projekt "Zusammen leben" will ältere und jüngere Menschen zusammenbringen. Bisher funktionierte das in aller Regel so, dass ein Senior zu einer Familie zieht. Diese profitiert von Mieteinnahmen und leichteren Alltagsleistungen, die der ältere Mensch ins Zusammenleben einbringt. Diese Variante des Modells gibt es schon relativ oft.

"Es ist das erste Mal, dass wir mit Frau Weber den umgekehrten Weg gehen", sagt Kristin Herbst von der Fachstelle für pflegende Angehörige. Als Reinhilde Weber von ihrer Tochter auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht wurde, fand sie den Gedanken gleich sympathisch, dass jemand bei ihr einzieht, einfach da ist, aber auch ein wenig Entlastung von den Lasten des Alltags bringt. "Es ist eine tolle Chance, dass ein alter Mensch auf diesem Weg so lange wie möglich zu Hause leben kann und nicht in ein Heim geh'n muss", sagt Ingrid Gegenfurtner.

Auch die Persönlichkeit muss stimmen

Die Bewerbungen der Interessenten treffen dabei zuerst bei Kristin Herbst oder Daniel Göring vom Amt für Jugend und Familie ein. Dort wird bereits entschieden, ob es überhaupt zu einem ersten Treffen kommt. Kristin Herbst stellt klar: "Es geht uns in erster Linie um das soziale Engagement." Die finanziellen Vorteile des "Zusammen Leben Projekts" sollten nicht der wichtigste Beweggrund für eine Teilnahme sein. Auch die Persönlichkeit der Beteiligten muss passen.

Dass sie im Fall von Reinhilde Weber und Manuela Graf passt, spürt auch ein Außenstehender rasch, wenn er die beiden zusammen erlebt. Für die Projekt-Betreuer ist die 48-Jährige ein Glückstreffer. Noch bis Anfang des Jahres hat sie die eigene Großmutter gepflegt, ehe sie im gesegneten Alter von 100 Jahren verstorben ist. Fünf Jahre begleitete sie die Seniorin am Ende ihres Lebensweges. Zur Zeit absolviert Manuela Graf zudem eine Ausbildung als Betreuerin von Menschen mit Demenz. Eine geradezu ideale Mitbewohnerin also für Reinhilde Weber - auch wenn diese weit davon entfernt ist, dement zu sein.

Eine Entlastung

Aber das große Grundstück rund um den früheren Bauernhof verlangt schon einiges an Arbeit. Dass Manuela Graf künftig die Straße kehrt oder den Rasen mäht, ist für Reinhilde Weber eine schöne Entlastung. Dass sie solche Arbeiten übernimmt, wird vertraglich geregelt und nach festgelegten Stundensätzen von der Miete abgezogen. So spart Reinhilde Weber Arbeit und Manuela Graf Geld.

Vor allem aber geht es darum, nicht mehr allein zu sein - auch nicht beim Kochen. Daher werden die beiden Frauen die Küche gemeinsam nutzen, wenn ihre kleine Wohngemeinschaft erst richtig anläuft. Bisher kennen sie sich nur von Besuchen und gemeinsamen Unternehmungen. "Wir waren schon zusammen auf dem Dorffest", nennt Reinhilde Weber ein Beispiel.

Gründliche Vorbereitung

Nun werden die Räume hergerichtet, die ab dem frühen Herbst Manuela Graf zur Verfügung stehen sollen. Es gilt die vertraglichen Regelungen zu treffen und alles so weit vorzubereiten, dass es losgehen kann mit der Damen-WG.

"Es ist wichtig, dass alles begleitet durch das Amt abläuft", erklärt Daniel Göring. Das gibt eine gewisse Sicherheit für beide Seiten und das nötige Vertrauen. Und so sind kompetente Ansprechpartner da, wenn das Zusammenleben doch nicht so klappen sollte, wie es sich eine der beiden Seiten vorgestellt hat.

Wie gute Freundinnen

Arm in Arm machen sich die beiden Projektteilnehmerinnen auf den Weg in den Garten, schwadronieren über Junggesellen, die man kennenlernen könnte, lachen und sehen schon längst nicht mehr aus wie Projektteilnehmerinnen, sondern wie gute Freundinnen. Ein gelungener Start, wie es scheint.