Das Schauspiel will und muss brisante Geschichten erzählen, am Puls der Zeit sein. Was junge Menschen betrifft, stehen aber nicht allzu viele gute, aktuelle Stücke zur Verfügung, während das Kino für Jugendliche und junge Erwachsene ebenso wie der Buchmarkt boomen. Es geht nicht ums Kinder theater, das in den letzten Jahren einen intensiven Schub erfahren hat, sowohl beim Stückeangebot, als auch bei der regelmäßigen Aufführungspraxis an den deutschen Theatern, so auch in Coburg. Es geht um die Teens und Twens, die heute in einer komplett anderen Wirklichkeit leben, als sie das traditionelle Repertoire widerspiegelt.

Weshalb das Landestheater Coburg neben weiteren Anstrengungen vor anderthalb Jahren einen Stückewettbewerb ins Leben rief, der auf große Resonanz stieß. Jetzt wurden und werden die Früchte dieses Wettbewerbes präsentiert. Gestern Abend hatte das Stück der Siegerin Ruth Johanna Benrath, "Klassenkämpfe", in der Reithalle Premiere (Rezension folgt am Montag). Tags zuvor präsentierten Dramaturg Dirk Olaf Hanke und ein Teil des Schauspielensembles die Zweit- und Drittplazierten bei einer packenden szenischen Lesung, an der drei Autorinnen und der Münchner Verleger Guido Huller vom Drei Masken Verlag teilnahmen.

Intensive Darstellung

Verwirklicht werden konnte das ganze Unternehmen nur durch den engagierten finanziellen Einsatz des Lions Clubs Coburg, der auch die Kosten für die "Klassenkämpfe"-Produktion übernommen hat. Szenische Lesung klingt unspektakulär, weshalb am Donnerstag leider nur wenige Coburger in die Reithalle zu dieser durchaus einmalig zu nennenden Präsentation kommen mochten, während doch sonst Buchvorstellungen und Leseabend gerne genossen werden in Coburg.

Tatsächlich fesselte das Schauspielensemble gleich drei Mal mit den jeweils auf 45 Minuten geschickt gekürzten Gewinnerstücken und der Intensität der Darstellung. Bisweilen brauchte es gar keine weitergehende Bühnenrealisierung, so tief zogen die Schauspieler in das Leben ihrer Figuren. Es gab also keineswegs nur schicke Häppchen zu den intensiven neuen Stücken, welche eine Jury aus Theaterleuten, aus Coburg und von außerhalb, und Vertretern des Lions Clubs unter heftigen Diskussionen ausgewählt hat. Man erlebte am Donnerstag zwar kräftig eingestrichene, aber in ihren wesentlichen Aspekten durchaus komplette neue Stücke, berührende, witzige, ätzend analysierende, in ihrer pointierten Verdichtung faszinierende Einblicke in das Leben heutiger Familien und junger Menschen.

Sam und Jo in der Wüste

Eva Marianne Berger, Ingo Paulick und Oliver Baesler führten mit Georgia Dolls etwas abgehobenem, zum Teil skurril surrealen Stück "Das blaue Gold" in die Wüste und in das Unverständnis zwischen westeuropäischer Kapriziertheit und arabischer (Kriegs-)Welt. Ein durchaus egozentrisches junges Paar, Samanta und Joe, landen bei einem einsam lebenden Jungen in einer Oase. Der will dann die Leiche seines bei einer "Explo sion" umgekommenen Vaters aus der Stadt in seine Oase zurückholen. Samanta begleitet ihn, Joe bleibt zurück. Das kann nicht gut gehen.

Georgia Doll wurde 1980 in Wien geboren und kann, wie die anderen beiden Autorinnen des Abends, auf durchaus vielseitige Erfahrungen mit und am Theater verweisen, schriftstellerische wie darstellerische. Die 1978 in den Niederlanden geborene Anne Clausen, die als Gastschauspielerin auch schon in Coburg zu erleben war, dringt mit "Hettie doch", - mittlerweile uraufgeführt am Kieler Theater, - in den Gedanken- und Erlebnisraum der zwei Schwestern Hettie und Lana ein. Sprachlich wie dramaturgisch trifft Clausen tief, sehr intensiv vergegenwärtigt durch Anne Rieckhof und Eva Marianne Berger.

Die Welt ist so viel freier geworden für junge Mädchen. Und so viel gefährlicher. Die 14-Jährige Hettie probiert halt mal so ein bisschen aus und hat Glück. Die schon vernünftigere Lana lässt sich auf der Suche nach Hettie von einem Bekannten fahren und wird wie nebenbei vergewaltigt.

Bissige Beziehungsschlachten

Großes darstellerisches Aufgebot dann für das weitere drittplazierte Stück "Leila Surana" von Alexandra Helmigs, der 1975 in Düsseldorf geborenen, renommierten Autorin und Schauspielerin, eine bissige und ungemein treffende Paar- und Familienanalyse. Hier traten auch Kerstin Hänel, Luca Pauer, Karina Pele, Niklaus Scheibli und Schauspielchef Matthias Straub heftig in Aktion.

Zwei gutsituierte, befreundete Ehepaare geraten in abgründige Beziehungsschlachten, in denen sich nicht nur heutiges psychologisches Desaster, sondern auch unsere gesellschaftliche Brutalität offenbart. Die Kinder der beiden Paare gehen drauf.