Wer im Zahnarztstuhl schwitzt, hat dabei höchstwahrscheinlich ein Kunststoffteil von Gaudlitz an seiner Seite. Die Halterung für den Bohrer und diverse andere zahnärztliche Instrumente werden von der Coburger Firma hergestellt. Seit 80 Jahren steht der Name Gaudlitz für Kunststoffverarbeitung in den unterschiedlichsten Ausrichtungen und immer in höchster Präzision. Heute entwickelt das Unternehmen hauptsächlich nicht sichtbare Bauteile für Automobil-, Medizin- und Industrietechnik - ganz individuell nach Kundenwunsch. Doch Gaudlitz fertigte zeitweise auch Teile, die jedermann täglich in den Händen halten konnte: den schwarzen Bakelitgriff an Omas Bügeleisen zum Beispiel, oder ein Telefon im Porsche-Design.
Einer, der sich mit der Produktpalette von Gaudlitz auskennt wie kaum ein anderer, ist Walter Franz. Der 62-Jährige kann zu jedem noch so winzigen Teilchen, das in einer kleinen Ausstellung im Eingangsbereich der Firma gezeigt wird, sagen, wann es wo eingebaut war oder verwendet wurde.
Seit 49 Jahren gehört Walter Franz zur Belegschaft und ist damit einer der dienstältesten Mitarbeiter. Als er 1968 seine Lehre bei Gaudlitz begann, war er gerade mal 13 Jahre alt. Mit der Schule war er fertig, seine Eltern rieten ihm zum Beruf Elektrotechniker. Die Berufsberatung schickte Franz unter anderem zur Firma Gaudlitz. Dort wurden Werkzeugmacher gesucht. "Ich hatte keine rechte Vorstellung, was man da macht", sagt Walter Franz heute. Deshalb beschloss er, sich das einmal "live" anzusehen.
Er absolvierte einen Eignungstest, nahm an einer Betriebsführung teil und verliebte sich "auf den ersten Blick", wie er schmunzelnd erzählt. Besonders das gute Betriebsklima hatte es ihm angetan. "In der Lehrwerkstatt herrschte einen Bombenstimmung." Franz ließ alle anderen Angebote sausen und unterschrieb seinen Ausbildungsvertrag bei Gaudlitz. "Ich habe das nie bereut", resümiert er heute, 49 Jahre später. "Wir hatten unwahrscheinlich fähige Ausbildungsleiter, wir wurden gefördert und gefordert."
Kreativität, Erfindungsreichtum, Pioniergeist... den hatte schon Firmengründer Oskar Gaudlitz bewiesen, als er 1937 im Kanonenweg den Grundstein für seine Firma legte, denn das Material Duroplast, mit dem Gaudlitz damals ausschließlich arbeitete, war der Startschuss einer neuen Ära. Als Oskar Gaudlitz schon wenige Jahre später, 1945, starb, übernahmen seine Kinder, Karl und Elisabeth, die Firmenleitung.


Eigener Formenbau

Früher wie heute habe Gaudlitz immer nach Kundenanforderung produziert, erläutert Stefan Leifhelm vom Marketing. Gaudlitz habe zum Beispiel kein eigenes Bügeleisen entwickelt und auf den Markt gebracht, sondern als Zulieferer die gewünschten Teile an Hersteller für elektrotechnische Hausgeräte geliefert.
Als weiteres Beispiel nennt Leifhelm die Automobilindustrie. "Die Teile die ein Autohersteller verbaut bezieht er von zig Unterlieferanten - da kommen wir dann ins Spiel, denn wir beliefern diese Systemhersteller." Schon in den Anfangszeiten seien andere Firmen mit ihren Ideen auf Gaudlitz zugekommen, "und wir haben dann die entsprechenden Bauteile entwickelt". Dazu brauche man, als Herzstück, das Werkzeug. Bei diesem Begriff denke man vielleicht an Hammer und Meißel, aber das sei damit nicht gemeint, sagt Leifhelm. Im Formenbau sei das die Gussform aus Stahl, in die die heiße Kunststoffmasse fließt, abkühlt und dann als Kunststoffteil herauskommt.
In der Firmengeschichte gilt deshalb das Jahr 1949 als wichtiger Meilenstein, als Gaudlitz seinen eigenen Werkzeugbau einrichtete. Den hatte Gaudlitz bis dato nicht besessen, musste Dienstleister heranziehen und sich Formen bauen lassen. Die Qualität habe aber den Ansprüchen des Firmenchefs nicht immer genügt, sagt Walter Franz. "Auch konnten wir die geforderten Kundenansprüche nicht immer zufrieden stellen." Mit dem eigenen Werkzeugbau konnte man nun wesentlich schneller und flexibler auf Änderungswünsche reagieren. "Außerdem konnte man das komplette Know-How, das man im Laufe der Jahrzehnte gesammelt hatte, in die eigenen Formen investieren."


Vielfältige Produktion

Der Blick in das hauseigene "Museum" mit Hunderten von Teilen zeigt die Vielfalt, die Gaudlitz in den letzten 80 Jahren produziert hat. Zum Beispiel Automatensicherungen, Bügeleisengriffe, Stromzähler für Siemens (Franz: "Die großen schwarzen Kästen") und Vakuumkolben für Bremskraftverstärkergehäuse verließen das Unternehmen in den 70er und 80er Jahren in Millionenstückzahlen.
Als die Hausfrau später das einfache durch das Dampfbügeleisen ersetzte, kamen natürlich auch hier Teile aus dem Coburger Gaudlitz-Werk. Selbst Gehäuse für Super-Acht-Filmkameras, die anfangs noch aus Metall hergestellt wurden, produzierte Gaudlitz aus Kunststoff. Im medizinischen Bereich stellte die Firma zum Beispiel Teile für Ultraschallgeräte her; ebenso Optikköpfe für die Blutzuckeranalyse; Teile für Hochleistungskaffeemaschinen, die etwa in Raststätten an Autobahnen eingesetzt werden.
Früher galt die Devise: "In je mehr Branchen oder Segmenten man tätig war, umso besser", erklärt Stefan Leifhelm. "Man war sehr breit aufgestellt. Das Kostencontrolling kam erst später dazu." Egal, welche Auflagen oder Produkte, Gaudlitz produzierte sie. "Man hat erst später angefangen, sich zu spezialisieren." Gaudlitz sei zeitweise in über 200 Produktbereichen tätig gewesen, sagt Leifhelm. "Heute ist das wesentlich weniger. Alles was sich bewegt, überall wo Antriebstechnik benötigt wird, darauf spezialisieren wir uns heute. Dort liegt unsere Kompetenz, vor allem in der Fertigung komplexer Verzahnungselemente, Aktuatorengehäuse mit aufwendigen Metalleinleger, und Bauteile welche im Mehrkomponentenspritzguss hergestellt werden."
Viele Firmen, die Gaudlitz früher beliefert hat, seien inzwischen selbst schon von viel größeren Firmen aufgekauft worden, die längst alle in Asien produzieren. "Warum können wir heute trotzdem noch im Kunststoffmarkt mitschwimmen?", fragt Leifhelm und gibt auch gleich die Antwort: "Weil wir hohe Präzision im Werkzeug und in den Kunststoffteilen liefern und mit der Automatisierung einen Mehrwert generieren." Hier habe sich Gaudlitz in 80 Jahren immer weiter entwickelt. "Die Teile, die wir jetzt herstellen, werden wir sicherlich teils in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr sehen", glaubt Leifhelm. "Deshalb müssen wir immer beobachten in welche Richtung der Markt sich entwickelt."


3D-Druck - keine Konkurrenz

Apropos Entwicklung, wie sieht man bei Gaudlitz eigentlich Technologien wie den immer populärer werdenden 3D-Druck? Nicht als Konkurrenz, betont Walter Franz, aber als interessante Ergänzung. "Wir haben sogar einen kleinen 3D-Drucker in der Firma", berichtet er. Der sei allerdings eher dazu da, um Kunden einen Prototypen des gewünschten Produkts in die Hand geben zu können. Das Material könne aber beileibe nicht die physikalischen Eigenschaften und schon gar nicht die Präzision liefern, die Gaudlitz-Kunden erwarten, sagt Walter Franz. "Aber die Technik ist interessant und wird auch weiterhin von uns verfolgt."