Wolfgang Rosenberg lebt aus familiären und beruflichen Gründen seit Ende 2009 in Paris - seine Frau Florence ist Französin. Nach seinem Chemiestudium in Würzburg und Promotion in München zog es den Neustadter hinaus in die große Welt.
Als Mitbegründer der französischen Filiale der Neustadter Firma Gehrlicher Solar (Boderdorf) verschlug es ihn in die Weltmetropole. "Das war für mich die Gelegenheit, ins spannende und gesellschaftlich sinnvolle Thema der erneuerbaren Energien zu wechseln", sagt der 48-Jährige, der inzwischen bei einem anderen deutsch-französischen Unternehmen mit Sitz in Hamburg und Marseille für den Betrieb von PV-Großanlagen in Deutschland, Frankreich und Italien verantwortlich ist.


Attentat vor der Haustür

Sein Lebensmittelpunkt ist Paris geblieben, weil er von dort fast alle Anlagen mit dem Zug erreicht. Er lebt in der Nähe der Place de la République - also dort, wo im November letzten Jahres am Rande des Freundschaftsspiels zwischen Frankreich und Deutschland die Terrororganisation "Islamischer Staat" Angst und Schrecken verbreitete und viele Menschen den Tod fanden.
Der Konzertsaal Bataclan liegt direkt an der Gabelung des Boulevard Voltaire und des Boulevard Richard Lenoir im 11. Pariser Arrondissement, nicht weit weg von der Wohnung der Rosenbergs. Als Betroffener vor Ort glaubt er, dass das Europa-Thema weitaus wichtiger ist als die Terroranschläge, von denen sich niemand verunsichern lassen sollte. "Ich habe keine Angst vor dem Terror, sondern Mitgefühl für die Opfer. Und die sind nicht nur in Europa, sondern vor allem im Nahen Osten." Die Anschläge seien Ausdruck von Konflikten in dieser Region, die seit Jahrzehnten nicht konstruktiv angegangen werden, kombiniert mit zu viel Geld aus Erdöl, das für Waffenkäufe verwendet werde.
Wenn ein demokratisches Europa die Energiewende auch im Individualverkehr schaffen würde, werde den Kriegen im Nahen Osten ein Teil der wirtschaftlichen Grundlage entzogen. "Nutzen wir dann noch gewaltfrei den politischen Einfluss eines starken Europas, besteht eine Chance, dass wir langfristig die Lage dort beruhigen."
Eines steht für den Wahl-Franzosen aber zweifelsohne fest: "Die Pariser werden nicht aufhören, auf den Terrassen ihrer Stadt eine Tasse Kaffee oder ein Glas Wein zu genießen."


Vorfreude auf Halbfinale ist groß

Auf das Euro-Halbfinale zwischen Frankreich und Deutschland freut er sich natürlich riesig. Seit Tagen würden die französischen Medien das Publikum auf diesen Fußball-Hammer vorbereiten, immer wieder werde dabei Sevilla 1982 genannt. Also der Fußballkrimi, in dem Deutschland Frankreich im Elfmeterschießen schlug, in dem es aber auch zu dem bedauerlichen Zusammenstoß zwischen Schumacher und Battiston kam.
Gerade wegen dieses traumatischen Ereignisses vermutet Rosenberg viele Emotionen in der Begegnung: "Ich hoffe, dass es trotzdem ein attraktives, schnelles und vor allem faires Spiel wird."


Rückkehr in die Puppenstadt?

Wolfgang Rosenberg schließt eine Rückkehr in seine Heimatstadt Neustadt, in der er seine Eltern und seine Schwester mehrmals im Jahr besucht, eines Tages nicht aus, weil er es schön fände, wenn auch seine Frau den deutsch-französischen Kulturwechsel erfahren könnte.
Gerade im Kontext des Brexit sei es ihm wichtig, den kulturellen Reichtum zu unterstreichen, den der Austausch zwischen Europäern ermöglicht. Ganz zu schweigen von Themen wie Friedenssicherung und einer europäischen Industrie- und Umweltpolitik.
"Natürlich sollten wir aus der aktuellen Euroskepsis lernen und die Führung Europas mutig auf eine demokratischere Grundlage stellen, das heißt, das Europaparlament sollte die Europäische Kommission als maßgebendes Entscheidungsgremium ablösen", sagt einer, der vor 30 Jahren sein Abitur am Neustadter Arnold-Gymnasium als Bester seines Jahrgangs baute.


Er kennt sich ganz gut aus

Fußballspielen gehörte damals aber nicht zu seinen Stärken, trotzdem kennt er sich auch bei der schönsten Nebensache der Welt ganz gut aus. Die Franzosen hätten sich im Turnier deutlich gesteigert. "Das 5:2 gegen Island hat gezeigt, dass es keinen Star-Torjäger, sondern mindestens vier torgefährliche französische Spieler gibt. Das macht Les Bleus unberechenbar und schwer zu kontrollieren."
Die deutsche Mannschaft habe bisher eine solide Leistung abgeliefert, müsse aber noch etwas entschlossener rangehen, wenn sie im Halbfinale bestehen will. Deshalb sei eine Prognose schwierig: "Möge die bessere Mannschaft gewinnen."