"Ich sehe mich noch im Park stehen, die Flasche Kräuterlikör in der Hand." Danach habe er einen Filmriss gehabt und könne sich erst wieder an seine Zelle in der Neustadter Polizeidienststelle erinnern, sagt der 40-jährige Mann aus Rödental aus. Was am Abend des 22. Juli 2016 in der ehelichen Wohnung geschehen sein soll, brachte den gelernten Maurer auf die Anklagebank der Ersten Großen Strafkammer in Coburg.

Staatsanwältin Jana Huber wirft dem Angeklagten versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Bedrohung seiner Ehefrau, die er erst im April dieses Jahres geheiratet hatte, vor. Seinen eigenen Angaben zufolge hatte der Mann mit vier Kräuterlikör und einem Kräuterschnaps schon kräftig "getankt", als er seine Frau und deren Kinder von einem Schwimmbadbesuch abholte. Im Anschluss habe er in einem Park einen weiteren Schnaps und eine große Flasche Likör getrunken, sagt er aus. In der nahegelegenen Wohnung soll er schließlich seine Ehefrau übel beschimpft, sie angespuckt und ihr den Inhalt eines Glases ins Gesicht geschüttet haben.


"Umgedreht und ihm eine geklatscht"

Als auch der zwölfjährige Stiefsohn zur verbalen und körperlichen Zielscheibe des Mannes wurde, so erklärte es die Frau, habe sie sich "umgedreht und ihm eine geklatscht". Die Situation eskalierte: Nur mit Unterwäsche bekleidet, flüchtete sich die Ehefrau unter das Hochbett ihrer fünfjährigen Tochter. An den Haaren soll der Angeklagte sie auf die Knie gezwungen und ihr mit der Handkante so massive Schläge aufs Genick verabreicht haben, dass die Halswirbel knackten. "Ich dachte, ich sehe meine Kinder nicht mehr wieder", sagt die Frau, deren Tochter während der Gewaltszene neben ihr geweint und nach ihr geschrien habe. "Ich hatte höllische Angst, ich dachte, ich sterbe." Erst als zwei Frauen, darunter eine Nachbarin, massiv an die Tür klopften, soll der Maurer von ihr abgelassen haben. "Eine Frau hat mich am Arm gepackt und durch die Tür herausgezogen", erzählt die Zeugin.

Auch vorher sei es bereits zweimal zu körperlichen Auseinandersetzungen gekommen, gibt der Angeklagte zu. Äußerungen wie "Ich bring dich um", wollte die Ehefrau, die als Nebenklägerin auftritt, oft gehört haben, auch sei sie mehrfach von ihm bespuckt worden. "Es gab häufiger Situationen, wo er so besoffen war und wenn er so besoffen war, ist es immer ausgeartet", sagt sie aus.


Keine leichte Kindheit

Seinen Aussagen zufolge hatte der 40-Jährige keine leichte Kindheit: Er erzählte von "zerrütteten Familienverhältnissen", einem "Alkohol- und Gewalthaushalt". Der Vater sei ein Alkoholiker gewesen, den die Mutter schließlich verlassen habe. Mit 13 habe er das erste Mal Alkohol probiert, richtig "krass" sei es im Alter von 15 Jahren geworden. Da sei er jedes Wochenende "hackedicht" gewesen. Der 40-Jährige erklärt, dass er ein massives Alkoholproblem habe und sich eine Entzugstherapie wünsche. Während seiner Haft und im Juni 2015 sei er allerdings abstinent gewesen, erklärt er weiter. Bis auf kurze Unterbrechungen, weil er seine Bewährungsauflagen nicht erfüllt habe, habe er unter anderem wegen räuberischen Diebstahls von Dezember 2012 bis August 2014 in Haft gesessen.

Eine stationäre Therapie, um seinen Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen, brach der Rödentaler im Jahr 2015 ab. Seine Ehefrau habe ihn dazu genötigt, weil sie ohne ihn nicht zurechtgekommen sei, sagt er aus. Dem widerspricht die Frau. Ihr Mann habe Sorge gehabt, dass sie ihn während seiner Abwesenheit betrügen würde.
Die Zeugin gibt zu, am Tatabend im Park aus der Schnapsflasche ihres Mannes getrunken zu haben. Sie habe den Alkohol mit Cola vermischt, sagt sie, sei aber nicht betrunken gewesen. Nach der Tat habe sie sich in therapeutische Behandlung begeben müssen. Auch da sei Alkohol im Spiel gewesen.

Auf Nachfrage der beiden Anwältinnen des Angeklagten, finden sich in der Aussage der Ehefrau doch einige Ungereimtheiten: Bei der Polizei verneinte sie, dass ihr Sohn kurz vor der Tat die Zielscheibe ihres Mannes gewesen sei, und auch ihr Sohn habe ausgesagt, dass seine Mutter den körperlichen Übergriff - sein Stiefvater hatte ihm eine Schranktür an den Kopf geschlagen - wohl gar nicht mitbekommen habe. Diese Tätlichkeit aber soll die Ursache dafür gewesen sei, weshalb die Frau auf ihren Mann eingeschlagen habe.
Die Verhandlung wird am 19. Dezember fortgesetzt.