Für einen Biografen ist die Geschichte dieser Familie ein wahres Geschenk. Diese Geschichte eines zu Ruhm, Ansehen und Nobelpreis-Ehren gelangten Schriftstellers aus einer Lübecker Patrizier- und Kaufmannsfamilie, der eine Tochter aus noch ungleich reicherer Familie geheiratet hat. Die Geschichte von Thomas Mann und seiner Frau Katja, die Geschichte ihrer sechs Kinder, kurz: die Geschichte der Manns - für Tilmann Lahme ist diese Geschichte inzwischen zu einer ganz eigenen Erfolgsgeschichte geworden.


Das Porträt einer ungewöhnlichen Familie


Denn sein dickleibiger Band "Die Briefe der Mann - ein Familienporträt" hat dem früheren FAZ-Feuilleton-Redakteur, der inzwischen Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg lehrt, reichlich Aufmerksamkeit und lobende Rezension in bundesdeutschen Feuilletons beschert.


Unterhaltsam und erhellend

Dass sich Literaturgeschichte am Beispiel der Manns tatsächlich ebenso unterhaltsam wie erhellend beschreiben lässt, beweist Lahme bei einer Lesung im Hexenturm auf Einladung des Coburger Literaturkreises. Thomas und Katja Mann und ihre Kinder Elisabeth, Erika, Monika, Klaus, Golo und Michael - ihre Geschichte spiegelt auf ganz spezielle Weise auch wichtige Aspekte deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts.


Die Jahre 1937 und 1948

An zwei geschickt ausgewählten Jahren beleuchtet Lahme diese Rolle der Familie Mann schlaglichtartig vor: 1937 und elf Jahre später 1948. Früh hatte Thomas Mann erkannt, welchen fatalen Weg Deutschland unter dem Regime der Nazis einschlagen würde. Und doch hatte der vielgerühmte Schriftsteller und Nobelpreisträger erstaunlich lange gezögert, diese Ablehnung auch unmissverständlich öffentlich zu äußern - aus Sorge, dadurch im Exil sein "Lese-Volk" in Deutschland endgültig zu verlieren. Dass Thomas Mann, der 1921 zu einer Lesung in Coburg weilte, in den USA schließlich doch noch zum Protagonisten des "besseren Deutschland" wurde, ist aus Tilmann Lahmes Sicht nur vor dem Hintergrund seiner Familie zu erklären und zu verstehen.


Namentlich Tochter Erika habe dem Vater unmissverständlich mit Liebesentzug gedroht, bevor der Autor der "Buddenbrooks" und des "Zauberbergs" schließlich doch 1937 in seinem offenen Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn öffentlich entschieden Position gegen die Nazi-Diktatur bezog.
Das Jahr 1948, drei Jahre nach Kriegsende, das Jahr nach Erscheinen des "Doktor Faustus", zeigt Thomas Mann und die Seinen in Tilmann Lahmes Biografie als eine letztlich heimatlose Familie, die sich in den USA nicht heimisch fühlte, in der verlorenen früheren Heimat Deutschland aber noch immer nicht erwünscht war.


Tiefpunkte und Tragödien

Reichlich Material bietet die Geschichte dieser erstaunlichen Familie, die auch "eine unglückliche Familie" war, wie Lahme nach dem Studium der rund 2000 erhaltenen Briefe der Manns konstatiert. "Die Briefe sind eine fantastische Quelle", sagt Lahme und betont: "Man wird einer Familie nicht gerecht, wenn man nur über die Höhen schreibt." Denn Tiefpunkte und Tragödien gab es reichlich in dieser Familie - bis hin zum Selbstmord des drogensüchtigen Klaus Mann.


Wer sich so intensiv wie Tilmann Lahme mit der Familie Mann und ihren Briefe beschäftigt, kommt an einem scheinbar ganz banalen Problem nicht vorbei - der Tatsache, dass viele Manns in schwer leserlicher Handschrift geschrieben haben. "Golo Mann hat die schlimmste Handschrift der Familie - die kann man fast gar nicht lesen", sagt Lahme. Golo Manns Handschrift war so schlimm, dass sie selbst der Schreiber Jahre später nicht mehr entziffern konnte und schließlich dazu überging, selbst seine Tagebücher mit der Schreibmaschine zu schreiben - reichlich Tippfehler inbegriffen.


Fasziniert von der Familie Mann


Tilmann Lahme studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Kiel und Bern. Er war Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und lehrt heute Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Familie Mann und hat 2009 eine Golo-Mann-Biografie veröffentlicht.

Buch-Tipp Tilmann Lahme: "Die Briefe der Manns - Ein Familienporträt", 24,99 Euro, gebunden, 478 Seiten; "Die Briefe der Manns", herausgegeben von Kerstin Klein, Tilmann Lahme, Holger Pils, 720 Seiten, 24,99 Euro,