Ist da tatsächlich musikalisch ein großer Wurf gelungen? Nicht weil der Coburger Kapellmeister Roland Fister mit seiner Ballettmusik "Alice im Wunderland" die Musikgeschichte neu geschrieben hätte. Tatsächlich bewegt er sich auf vertrauten Pfaden in romantischem Gestus und filmischer Soundbreite, aber in solch überzeugender, emotionaler Übereinstimmung mit den wesentlichen Stationen der Vorlage, mit Lewis Carrolls Klassiker. Die hat er bewusst heiter und spielerisch leicht genommen, ohne dem surrealen Geschehen seine Hintergründigkeit zu nehmen.
Mit fröhlicher Gelassenheit in Carrolls eigenwilliger Traumwelt schwebend, entrückt und verzaubert er mit dieser am Samstag im vollen Landestheater Coburg uraufgeführten Komposition. Das Philharmonische Orchester unter Fisters Leitung scheint an manchen Stellen fast dem eigenen Zauber zu erliegen.
Was zur vollen Wirkung kommen kann, weil Fister mit Rosemary Helliwell als Choreografin und Till Kunert als Ausstatter zwei kongeniale Diener ihrer Sache hat. "Alice im Wunderland" ist in dieser fantastischen Produktion des Landestheaters von Anfang bis Ende ein stimmiges Handlungsballett, das große Freude bereitet. Alle drei bringen dieses verrückte Märchen zum üppigen Blühen. Verzückter, anhaltender Beifall nach dieser Uraufführung.
Große surreale Pflanzen bestimmen denn auch die neonleuchtende Zauberwelt von Till Kunert. Dessen Kostümeinfälle, Frosch- und Fischdiener, die Raupe und all die anderen... man kann sich nicht sattsehen an ihnen. Der Traumsturz aus der Bahnhofsszenerie in das Wunderland ist bühnentechnisch originell gelöst. Alices Schrumpfen, um dort durch das kleine Tor zu passen, funktioniert verblüffend suggestiv im vornehmlich klassisch geprägten Tanz der zauberhaften Lucia Colom, die mit Mireia Martinez Pineda alterniert.


Zum Träumen stimmig

Überhaupt stimmen Musik und tänzerische Charakterisierung von Figuren und Szenerien so überein, dass man alles um sich vergisst, mit hineinfällt in dieses Coburger Wunderland. Weder da noch dort aufgesetzte Kunststücke um der Virtuosität willen, sondern so selbstverständliche, stimmige Charakterisierung der Figuren, der Tiere, wobei sich Musik wie Choreografie geschickt aller gebotener Stile bedienen. Im Catwalk der schrägen Grinsekatze (Nathalie Holzinger, herrlich) lässt ein prägnanter Bläsersatz deren eigenständigen Schwanz in ungesehene Körperpositionen swingen.
Musikalisch wie choreografisch treffende Motive leiten Zuhörer und Zuschauer auf selbstverständliche Weise. Der nervös zitternde Weiße Hase (Federico Frigo), der Alice so irritierend ignoriert, entpuppt sich als Diener der bösen Herzkönigin. Märzhase (Takashi Yamamoto), Hutmacher (Sylvain Guillot) und Siebenschläfer (Lauren Limmer) sind Alice auch nicht zugetaner. Zur vertrackten Teezeremonie in Endlosschleife tickt und hinkt und hängt die Musik. Erst der wegen vorzeitigen Kuchenessens verurteilte Herzbube (Jaume Costa i Guierrero) findet nach schmerzlichem Solo zum versonnenen, liebevollen Pas de deux mit Alice. - Müssen wir erneut bemerken, dass die Tänzerinnen und Tänzer der Coburger Compagnie allesamt hervorragende Charakterdarsteller sind? Das ist uns doch längst Selbstverständlichkeit, die wir mit jeder Produktion aufs Neue genießen.


So eine schöne Melodie

Eine der wundervollsten Szenen entfaltet sich bei den Rosen und ihren Gärtnern, für die Roland Fister eine so schöne kleine Melodie mit Streichern in eigenwilliger Harmonie gefunden hat, mit bizarrem Klirren, das die kapriziösen Beziehungen spürbar werden lässt, bis dann die Flöten der Rosenliebe erliegen.
Dann machtvolles Anschwellen hinüber zur tyrannischen Willkür der Herzkönigin, die allem und jeden den Kopf abhacken lassen will. Als charaktervoll böse Herzkönigin in ihrem tyrannischen Regiment schreckt das frühere Ensemblemitglied Manuela Mazzei (deren kleine Söhne Lucas und Thomas van Rensburg als Igel schon so souverän professionell auftreten, dass man erstaunt lächeln muss). Als verspielter nichtsnutziger König in quellenden roten Körperwülsten tritt der Coburger Ballettchef Mark McClain mit hinreißender Mimik nach langer Zeit sogar selbst wieder auf.
Traumhaft flanierend, schwelgend in all den bizarren Fantasien, nicht ständig auftrumpfend, sondern der Geschichte hingegeben, alles andere vergessen lassend und in so origineller Bühnenwelt gefangen haltend - ist das nicht ein wahres Tanzmärchen? Ein Coburger zumal. Man muss es erlebt haben.

Alice im Wunderland Ballett von Rosemary Helliwell; Musik von Roland Fister, Bühnenbild und Kostüme Till Kuhnert. Dramaturgie Renate Liedtke

Darsteller Lucia Colom/Mireia Martinez Pineda, Jaume Costa i Guerrero, Federico Frigo, Lauren Limmer, Manuela Mazzei, Natalie Holzinger, Jordi Arnau Rubio, Jaume Costa i Guerrero, Sylvain Guillot, Takashi Yamamoto,Chih-Lin Chan, Lukas und Thomas van Rensburg/ Mathilda Bihler, Emmy Wank, Mark McClain, Statisterie. Es spielt das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg

Weitere Termine 24., 31. März , 5., 7., 12. April, 19.30 Uhr, 2. April, 15 Uhr im Großen Haus