Niemand weiß, wieviele wertvolle Dokumente der Stadtgeschichte noch auf Coburger Dachböden, in Kellern, Kisten und Kartons schlummern. Immer wieder stoßen Hausbesitzer oder auch Erben auf solche Schätze und in vielen Fällen wenden sie sich dann an die Initiative Stadtmuseum, um ihre Fundstücke ans Licht zu bringen. Auf diesem Wege sind nun wieder einige Neuzugänge in den Besitz des Vereins gelangt, die am Freitag den städtischen Sammlungen in der Uferstraße übergeben wurden.

Meistens ist Gerhard Eckerlein, Vorstandsmitglied der Initiative Stadtmuseum, einfach nur begeistert von den Funden. Doch nach der Durchsicht einer der neusten Errungenschaften, einem Karton mit Dokumenten über einen Coburger Buchhalter, musste auch Eckerlein erst einmal tief durchatmen.

"Ein mehrfacher Wendehals", fasst der Vorsitzende der Initiative Stadtmuseum, Rupert Appeltshauser, zusammen. Man könne seinen Lebenslauf anhand der Dokumente genau verfolgen: SA-Truppführer, stadtbekannter Schläger und Denunziant aus den Reihen von Hitlers Gefolgsleuten und Träger des goldenen Parteiabzeichens. Im Nachlass des 1881 geborenen Coburgers finden sich unter anderem Aufzeichnungen darüber, wie intensiv er seine Umgebung bespitzelt hatte - selbst noch lange nach dem Krieg. Aber auch seine Entnazifizierungsunterlagen sind enthalten. "Sagenhaft, wie er sich da gedrückt hat", sagt Eckerlein. "Er hat sich tatsächlich als Opfer des Naziregimes hingestellt."


"Viele Grautöne"

Für Heimatpfleger Hubertus Habel sind solche Biografien der Beleg dafür, dass es gerade in der Nazi-Zeit nicht immer nur Schwarz und Weiß gegeben habe, sondern dazwischen "viele Grautöne". Und vor dem Hintergrund, dass der Stadtrat erst am Donnerstag beschlossen hatte, die Geschichte Coburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstmals durch eine Kommission aufarbeiten zu lassen, seien solche Dokumente umso wertvoller.

Aus der Kaiserzeit stammt eine handgeschriebene Jubiläumsurkunde für den Neuseser Pfarrer und Schlosskaplan in Callenberg, Franz Knauer. Federzeichnungen aus dem Werk von Dorle Reukauf (1903 bis 1996) werfen einen satirischen Blick auf die Gesellschaft der Weimarer Zeit. Unter den Neuzugängen sind auch Original Farbvorlagen des Bildhauers und Grafikers Heinz Schiestl (1867 bis 1940) für das Coburger Notgeld von 1919.


Coburg auf Druckplatten

Aus der Nachkriegsgeschichte stammen zwei Passierscheine eines Berliners zur Durchreise durch Coburg mit dem Fahrrad. Auffallend, so Eckerlein, sei hier, dass das Dokument von einem australischen Major namens Harry Lockland unterzeichnet wurde. Ein weiterer Fund sind mehrere Metall-Druckplatten mit Coburger Motiven, etwa dem Marktplatz von 1821.