Es war ein fast eineinhalbstündiges Ringen zwischen Befürwortern und Gegnern des geplanten Neubaus des Fritz-Anke-Kindergartens im Park an der Martin-Luther-Straße. Auslöser der Diskussion war eine von 70 Bürgern unterschriebene Petition, die Bürgermeister Marco Steiner (FW) im Rathaus überreicht wurde. Darin wenden sich die Anlieger der Ostland-, Ostpreußen- und Martin-Luther-Straße gegen die für den Neubau vorgesehenen Baumfällungen. "Die Bäume sind lebenswichtig für Mensch und Umwelt", argumentierte Ann Rose-Palauneck.

Dagegen stellte der Bürgermeister fest, dass eine Sanierung des jetzigen Gebäudes in der Oeslauer Straße nicht mehr wirtschaftlich und auch nicht förderbar sei, dass der Alternativstandort "Sandleite" nicht geeignet sei, da zu klein, und dass der Stadtrat seine Zustimmung zum Standort Martin-Luther-Straße gegeben habe. "Wir müssen für die Attraktivität unser Stadt etwas tun, auch insbesondere im Hinblick auf die aktuell vielen Zuzüge", fügte er hinzu.


"Zerstörung einer grünen Lunge"

Die Gegner ließen nicht locker, argumentierten mit der Zerstörung einer grünen Lunge, der Schließung der Kinderspielmöglichkeiten, fehlenden Fluchtwegen und Feuerwehrzufahrten. Vor allem um die Bäume täte es ihnen leid. Dazu meinte Steiner: "Jeder Baum ist irgendwann einmal zu fällen." Palauneck entgegnete: "Keiner von uns ist gegen den Kindergarten, wir sind für gute Luft."

Elmar Palauneck brachte einen neuen, bisher nicht geprüften Standort ins Gespräch: das Gewerbegebiet Annapark. Bürgermeister Steiner meinte dazu, irgendwelche Informationen aus nichtöffentlicher Sitzung gebe es nicht.


Es gibt auch Befürworter

Für die Vertreter des Kindergartens stand fest, dass der Standort Martin-Luther-Straße ideal ist. Es sollte eben versucht werden, so viele Bäume wie möglich zu erhalten. Auch Diakon Günter Neidhardt sprach sich namens des Kirchenvorstandes der evangelischen Kirchengemeinde für diesen Standort aus und übergab an den Bürgermeister ein entsprechendes Schreiben aus einem Kirchenvorstandsbeschluss. Eingereicht wurden ebenfalls 74 Befürworter-Unterschriften aus den Reihen der Eltern für einen Neubau in der Martin-Luther-Straße.
Aus der Diskussion heraus ergab sich ein Vorschlag, der ein echter Kompromiss sein könnte. Gerhard Eller von der Stadtverwaltung hat ihn in den Raum gestellt: Das Gebäude wird verschoben, so dass nur acht Bäume gefällt werden müssen.

Der Bürgermeister fasste das Ergebnis der Zusammenkunft zusammen: "Ich habe die Argumente wahrgenommen: Der Architekt hat das Ganze zu überplanen und ich werde es mit den Betroffenen besprechen."
Der Fritz-Anke-Kindergarten in der Oeslauer Straße, dessen Träger die evangelische Kirchengemeinde ist, ist in die Jahre gekommen und erfüllt nicht mehr die gesetzlichen Vorgaben. Er hat keinen Mehrzweckraum und erstreckt sich über zwei Etagen. Das Gebäude selbst müsste von Grund auf saniert werden.


Wechselvolle Vergangenheit

Der Kindergarten hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Bereits 1907 wurde vom Kommerzienrat Rudolf Geith, dem Inhaber des Annawerkes, eine Stiftung zur Gründung eines Kindergartens in Oeslau und Umgebung ins Leben gerufen. Nach 1945 wurde das Gebäude von der US-Militärregierung als Parteivermögen beschlagnahmt. Wohl führte die politische Gemeinde den Kindergarten weiter, sie war aber finanziell nicht in der Lage, den Betrieb ordnungsgemäß aufrechtzuerhalten.

Der damalige Geistliche Fritz Anke nahm sich der Sache an. Er gründete einen Kindergartenverein, dessen vordringliche Aufgabe es war, Gelder zu beschaffen, um das Gebäude zu sanieren. Was auch gelang, so dass 1955 die Einweihung des erweiterten Hauses vorgenommen werden konnte. 1990 wurde das 90-jährige Bestehen der Einrichtung gefeiert.