Im E-Klasse-Mercedes fährt ein 37-Jähriger aus Jena wiederholt über die Grenze nach Tschechien und kauft dort Crystal-Speed ein. Einen Teil konsumiert der Drogenabhängige selbst, den Rest verkauft er gewinnbringend im Raum Kronach und Jena. Mit an Bord ist auch seine damalige, ebenfalls süchtige Lebensgefährtin. Bei der letzten Fahrt im August 2013 erwischt sie eine Polizeikontrolle: Der 37-Jährige, der keinen Führerschein besitzt, gibt Gas. Mit Tempo 220 rast er, verfolgt von der Polizei, unter anderem durch eine Baustelle. Besonders brisant: Die zwei Töchter der Angeklagten, acht und vier Jahre alt, sitzen bei der Kurierfahrt mit im Auto. Die Idee dazu hatte die Lebensgefährtin: Man könne die Kurierfahrt doch als "Familienausflug" tarnen.

Crystal flog auf die Autobahn

Bei der rasanten Fahrt fliegt ein Plastikbeutel aus dem Fahrzeug. "Wir haben die kristallinen Substanzen von der Autobahn gekratzt", sagte einer der beteiligten Polizeibeamten beim Prozess am Freitag vor der Ersten Großen Strafkammer aus. "Sie waren über eine Strecke von 20, 30 Metern verteilt." Tests ergaben, dass es sich um 75 Prozent reines Methamphetamin handelt, auch als Crystal-Speed bekannt. Bei der Durchsuchung finden die Beamten zudem ein Klappmesser. Das habe sein Mandant zum Apfelschälen benutzt, erklärt sein Anwalt, und dann im Auto vergessen.
Zusammen mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin muss sich der Jenaer für seine Taten nun vor Gericht verantworten. Die Drogenkarriere des Angeklagten ist lang: 1994 konsumierte er erstmals Marihuana, später Speed, Ecstasy und Meth. Warum er ausgerechnet Meth konsumiere, wollte Vorsitzender Richter Gerhard Amend wissen. "Da sind enorme Kräfte in einem", sagte der 37-Jährige. Später allerdings kämen die Depressionen und "man nimmt noch mehr von dem Zeug". Finanziert haben will er seinen Konsum über Hartz IV, das er bekommen hatte. "Das geht nicht", machte Amend deutlich. Schließlich seien bei den Käufen Summen von mehreren Tausend Euro im Spiel gewesen.
Nach dem Tod des Vaters geriet der Jenaer, der zeitweise als selbstständiger Automobilkaufmann arbeitete, eine Autoverwertung und ein Café führte und hochverschuldet ist, auf die schiefe Bahn. "Ich habe die falschen Leute kennengelernt", sagte er. Von 2008 bis 2010 sitzt er im Knast, im Dezember 2011 wird er erneut verhaftet. Eine Therapie, die er im November 2012 beginnt, kann er nicht fortführen. Im August 2013 landet er erneut hinter Gittern.
"Er war ständig auf der Jagd nach Crystal", sagt der Gutachter der forensischen Psychiatrie über ihn. 21 Eintragungen habe der Angeklagte im Bundeszentralregister. "Es gab nie Phasen, wo er sich längere Zeit straffrei verhielt." Zusätzlich zur Abhängigkeit sieht der Sachverständige eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Mann weiterhin ähnliche Taten begehe. Er empfahl eine zweijährige Therapie. "Man muss das aber auch wirklich wollen. In seinen Kopf hineinschauen kann ich nicht."
Dass sie bei den Kurierfahrten mitgemacht hatte, begründete die Mutter von drei Kindern, die Realschulabschluss hat, eine Lehre als Einzelhandelskauffrau absolvierte, zeitweise bei einer Tankstelle und als Kosmetikerin arbeitete und immer wieder in der Arbeitslosigkeit landete, so: "Mitgefahren bin ich eigentlich nur, weil ich eine Frau bin. Ich kaufe gern ein und in Tschechien ist alles total billig." Das allerdings nahm Amend der Angeklagten nicht ab: "Als Pärchen fällt man einfach nicht so auf wie ein einzelner Mann, stimmt's?"

Teure Autos weniger verdächtig

Warum es ausgerechnet ein Mercedes E-Klasse gewesen sei, will er wissen. Ihr Auto habe einen Totalschaden gehabt, sagte die Frau, deshalb habe sie bei verschiedenen Anbietern Fahrzeuge gemietet. Hochwertige Fahrzeuge würden nun einmal seltener von der Polizei angehalten, erklärte der Anwalt des Angeklagten. Als "Belohnung" fürs Anmieten erhielt die Frau, die mit 16 Jahren erstmals Kokain, Crystal, Pillen und Cannabis konsumiert hatte, einen Teil Crystal für ihren Eigenkonsum.
Wie die Jenaerin, die, im Gegensatz zu ihrem Komplizen auf freiem Fuß ist, beteuert, sei sie mittlerweile clean. Nachdem sich im August 2013 das Jugendamt einschaltete, habe sie keine Drogen mehr konsumiert.
Das Verfahren wird am Freitag, 19. Dezember, fortgesetzt.