Was die Jungs durchgemacht haben, ist ihnen auf den ersten Blick nicht anzusehen. Sie geben sich unbeschwert, lachen, wenn sie angesprochen werden und unterscheiden sich kaum von ihren deutschen Altersgenossen. Nur in Momenten, in denen sie sich unbeobachtet fühlen, verändern sich ihre Gesichtszüge, werden ernst - zu ernst für ihr Alter. Ein 15-Jähriger hat nachts massive Probleme, weil er in den Fängen des IS war.

Und schwimmen gehen wollen die Jungs auch unter keinen Umständen. Das hat vermutlich mit den traumatischen Erlebnissen während ihrer Flucht auf unsicheren Schiffen und Booten zu tun, mutmaßt Tobias Frey von der Rummelsberger Diakonie, die als freier Träger die Rund-um-die-Uhr-Betreuung der sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge übernommen hat. Zehn Jungs aus Somalia, Senegal, Syrien, Afghanistan und Eritrea sind im Gebäude Neustadter Straße 3 untergebracht.

"Coburg ist gut", sagt Sounkar Cisse aus Senegal. Er ist ein talentierter Fußballer, seit Februar in der Stadt und hat relativ schnell ein sportliches Zuhause beim FC Coburg gefunden. Dreimal die Woche trainiert er dort. Mohamed, ebenfalls Senegalese, ist ein guter Langstreckenläufer, Yared aus Eritrea möchte sehr gern ins Fitness-Studio gehen, darf das in Deutschland aber erst, wenn er 18 Jahre alt ist, und Ahmed aus Somalia liebt Basketball. Das Spiel mögen sie eigentlich alle. Deshalb haben sie sich bei ihrer Unterkunft einen Streetballkorb gewünscht.

Also hat Stadtjugendpfleger Uli Schmerbeck Kontakt zu Christiane Zinoni-Peschel vom Grünflächenamt aufgenommen. Sie hatte noch einen Streetballs tänder mit Korb von einem Spielplatz in Cortendorf im Fundus. Eine geeignete Fläche fand sich auf dem Gelände in der Neustadter Straße. Für das Fundament musste ein 90 Zentimeter tiefes Loch gegraben werden - das haben die Jungs selbst erledigt. "Das war gar nicht so einfach. Sie haben dafür fast drei Stunden gebraucht", erzählt Uli Schmerbeck. Das Fundament haben Mitarbeiter der Firma Hauch gegossen. Darum hatte sich ihr Geschäftsführer, Max Beyersdorf, gekümmert. Nun ist die Anlage fertig und wurde gestern offiziell an die Jugendlichen übergeben - für die Freizeitgestaltung.

Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD) sieht mit Musikschule, Jean-Paul-Schule und den jungen Flüchtlingen in der Neustadter Straße schon ein "Zentrum junger Menschen" wachsen. Und Zweite Bürgermeisterin Birgit Weber (CSU) lobt die gute Zusammenarbeit der Abteilungen in der Stadtverwaltung, wenn es um die Flüchtlingsbetreuung geht.

Mit Motivation in die Schule

Am Vormittag sind die Jugendlichen voll beschäftigt. In der Berufsschule am Plattenäcker lernen sie zunächst erst einmal Deutsch, absolvieren, sobald sie dazu in der Lage sind, aber auch eine Berufsausbildung. Was sich als schwierig erweist, denn einige Jungs sind noch nie zur Schule gegangen - zum Beispiel Sounkar Cisse und Mohamed aus Senegal. Außerhalb der Schule erteilt ihnen Karl-Friedrich Schmucker ehrenamtlich Deutschunterricht.

Für Jugendamtsleiter Reinhold Ehl ist es wichtig, dranzubleiben. "Die Jungendlichen sind hochmotiviert. Unser Ziel ist es, sie zu befähigen, selbstständig hier leben zu können", sagt er. Und dazu gehöre auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Da kommt wieder Uli Schmerbeck ins Spiel. Der passionierte Radfahrer hat für alle Jungs Fahrräder besorgt. Dabei haben ihm die Coburger Velozwerge, das Fundamt der Stadt und ein Fahrradhändler geholfen. Aber nicht alle sind von den Zweirädern begeistert. "Sie sind es gewohnt, auch weite Strecken zu laufen, gehen zu Fuß bis zur Schule und in die Stadt", erläutert Tobias Frey.

"Wir waren mit ihnen auch schon im Domino und in der CoJe. Demnächst wird ihnen ein Verkehrserzieher der Polizei die Verkehrsregeln erklären. Das ist wichtig, wenn sie mit dem Rad in die Stadt fahren wollen", ergänzt Uli Schmerbeck. Er ist der Ansicht, die Jungs sollten so viel wie möglich rauskommen. "Das ist auch gut für die Sprachentwicklung."

Die zehn Jugendlichen bleiben zunächst in der Neustadter Straße. "Solange, wie sie einen Jugendpflegebedarf haben", erläutert Reinhold Ehl. Das sei kein Problem. Problematisch werde es erst, wenn der nächste Schwung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Coburg ankommt. Wo die unterkommen sollen, sei noch unklar. Fritz Glock von der Rummelsberger Diakonie jedenfalls ist in Coburg auf der Suche nach weiterem Wohnraum für die jungen Flüchtlinge.