Störche verhalten sich manchmal wie Menschen. Und wie im richtigen Leben geht zwischen den Geschlechtern nicht alles glatt. Da wird einem Storch der Partner ausgespannt, und es beginnt wie bei den Menschen eine neue Liebe - wenn alles klappt. Wo sich diese Beziehungskrise abgespielt hat, verrät Tierarzt Joachim Lessing.

Jahrelange Attacken

In Meschenbach fühlte sich ein Storchenpaar heimisch. Es hatte dort ein eigenes Nest und bereits viele Jungvögel über die Jahre aufgezogen. In den Frühjahren 2010 bis 2012 wurde dieses Pärchen immer wieder von einem fremden Storchenpaar, welches auf der Suche nach einem Nistplatz war, attackiert. Dabei wurden sowohl Eier als auch der bereits geschlüpfte Nachwuchs aus dem Nest geworfen. Deshalb, so berichtet der Tierarzt, sei ihm im Frühjahr 2013 die Idee gekommen, in der Nähe einen zweiten Horst aufzustellen, um die Situation zu entschärfen.

SÜC haben einen Mast übrig

Aber wie sollte das neue Nest ausschauen und wo sollte es aufgebaut werden? Diese Frage musste sich Joachim Lessing stellen und er hatte damals die Idee, die SÜC nach einem ausrangierten Strommasten zu fragen. Die SÜC hatte tatsächlich einen Masten übrig. Aber wie sollte das zwölf Meter lange Ungetüm nach Scherneck transportiert und dann auch noch im Garten der Lessings aufgestellt werden?

Kräfteraubende Vorarbeit

Der Pfahl sowie das Fundament wurden von den SÜC gesponsert, berichtet Joachim Lessing. Das Nest wurde aus privaten Mitteln bezahlt. Der Nestunterbau aus einer Metallkonstruktion wurde nach den Vorstellungen des Tierarztes gefertigt. Schließlich wurden noch Äste hineingeflochten. An das Aufstellen des 12-Meter-Mastes mit dem 150 Kilogramm schweren Nest will Joachim Lessing lieber nicht mehr zurückblicken. Mit vereinten Kräften hätten das dann viele fleißige Helfer doch geschafft.

Im selben Jahr entdeckte dann ein Storchenpärchen das Nest und nistete sich ein. Leider, erzählt Lessing, sei einer der Vögel kurz darauf angefahren worden und an seinen Verletzungen gestorben. Im Dezember 2013 sei dann ein einzelner Storch gekommen und bis Februar in Scherneck geblieben. Heute brüte dieses Tier im nahen Meschenbach.

Körperlich versehrt

Drei Wochen später habe sich im Schernecker Nest wieder ein beringter männlicher Storch niedergelassen. Dieses habe sich in ein am Flügel verletztes Weibchen verliebt, das bei ihm im Garten herumgelaufen sei, so erzählt Lessing die spannende Tiergeschichte. Sie hätten geschnäbelt und geturtelt und seien ein frisch verliebtes Storchenpaar gewesen. Aber dann geschah das Liebesdrama. Das verletzte Weibchen konnte nicht nach oben in das Nest fliegen. Einige Wochen später sei ein weiteres Pärchen in den Raum Scherneck gekommen und habe Ausschau nach einem geeigneten Brutplatz gehalten und dabei das Nest auf dem Masten entdeckt. "Drei Tage haben die beiden Neuankömmlinge versucht, den Horst mit vereinten Kräften zu erobern. Aber der Storchenmann verteidigte diesen so energisch, sodass das Paar keine Chance hatte, diesen zu übernehmen", erzählt Tierarzt Lessing seine Beobachtungen.

Flirt statt Kampf

Und jetzt kommt seine Interpretation des Vorgangs: Dass dieses Männchen so kämpfte, habe der angekommen bereits verbandelten Storchenfrau dermaßen gefallen, dass sie ihre weibliche List eingesetzt hatte und vom Kampfmodus in den Flirtmodus wechselte. Nach dem Motto: "Warum soll ich ums Eigenheim kämpfen, wenn's doch einfacher geht?" So geschah es, dass sie sich von ihrem bereits angetrauten wohnungslosen Storchenmann abwendete und bei ihrem Neuen einzog. Dieser wiederrum habe diesem Angebot nicht widerstehen können und habe nun seinerseits auf seine alte Liebe gepfiffen.

Der verlassene Ehemann, der so tapfer gekämpft habe, aber dann verlassen worden sei, sei noch ein paar Tage lang von den neuen Verliebten gemeinsam vertrieben worden, bis er endlich aufgab und davonflog.