Eine ganz normale Wohnung in der Pettenkofer Straße in Coburg-Ketschendorf: Im Wohnprojekt "Wilna" (Wir leben nicht allein) der Arbeiterwohlfahrt leben Menschen verschiedenen Alters und in unterschiedlichen Lebenssituationen in 15 barrierefreie Wohnungen. Die Bewohner unterstützen sich gegenseitig, pflegen Geselligkeit und Gemeinsamkeiten.

In die gemeinschaftlich genutzte Wohnung des Hauses ist in den vergangenen Wochen viel Technik eingezogen. "Hier zeigen wir, wie Senioren länger alleine in ihrer Wohnung leben können", erläutert der Vorsitzende des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Coburg, Hans-Joachim Lieb. Sensoren und Computer sollen den Pflege-GAU verhindern, wenn in den nächsten zwei Jahrzehnten der Anteil der älteren und pflegebedürftigen Menschen wächst.


Überwachungstechnik

Zu sehen sind Bewegungsmelder an den Zimmerdecken, ein kleiner grauer Kasten auf stelzen artigen Kontakten auf dem Boden im Badezimmer, neben dem Haltegriff der Badewanne sind drei Tasten in der Wand, zwei Tabletcomputer. Das alles ist über das Internet vernetzt und kommuniziert mit Angehörigen und Notdiensten. "Der Wassersensor im Bad informiert per E-Mail oder SMS die Angehörigen und den Hausnotrufdienst, wenn die Waschmaschine undicht geworden ist, Waschbecken oder Badewanne übergelaufen sind. Die Bewegungsmelder zeigen Kindern oder Enkeln an, dass Mutter oder Oma in der Wohnung von einem Zimmer ins andere gehen. Diese ständig aktuellen Bewegungsprotokolle signalisieren den Angehörigen, das alles in Ordnung ist", sagt ASB-Verbandsreferent Matthias Neuf.

Die Technik ist keine Einbahnstraße. Mittels der Tabletcomputer mit einfacher Bedienung kann mit den Angehörigen per Bild und Ton kommuniziert werden. Doch es ist noch viel mehr möglich: Die Heizung kann kontrolliert und eingestellt werden. Ist die Haustüre verschlossen, oder muss sie per Smartphone im Notfall für den Rettungsdienst geöffnet werden? Ein Rauchmelder in der Küche informiert im Fall der Fälle den Notdienst und die Angehörigen, schaltet aber auch gleichzeitig den Herd ab.


Sicherheit und Komfort

"Sicherheit spielt für ältere Menschen eine wesentliche Rolle", weiß ASB-Geschäftsführer Thomas Schwesinger. Daher gibt es sogenannte Paniktasten. "Damit schalten sich Lampen in den Räumen ein und gleichzeitig ertönt Hundegebell. Das schreckt Einbrecher ab." Möglich ist auch eine Kontaktmatte vor dem Bett. Dann schalten sich die Lampen im Flur und der Toilette an. Sensoren am Kühlschrank oder der Mikrowelle informieren die Kinder, dass sich die betagten Eltern eine Mahlzeit zubereitet oder ausreichend getrunken haben. Die Liste lässt sich fortsetzen. So ist eine Wohnung in Berlin zu Demonstrationszwecken mit über 80 Sensoren ausgerüstet.
"Das Ganze mag etwas an den ,Großen Bruder‘ erinnern, ist es aber nicht", betont ASB-Referent Matthias Neuf. "Die Daten gehen nur an die Angehörigen. Soll beispielsweise der Hausnotrufdienst auch informiert werden, entscheiden das die Menschen selbst."

Die Entwicklung geht hin zu "ambulant statt stationär". Da ist sich ASB-Geschäftsführer Schwesinger sicher. Um ausreichend Pflegekräfte ab 2030 zu haben, "müsste ab sofort jeder zweite Auszubildende einen Pflegeberuf ergreifen. Das ist eine Illusion." Im Landkreis Coburg lebten vor fünf Jahren 14 489 Menschen in Alter zwischen 65 und 80 Jahren. In 15 Jahren, 2030, wird sich dieser Bevölkerungsanteil laut Prognosen auf 19 400 oder 24,6 Prozent belaufen, eine Steigerung um ein Drittel. Darüber hinaus werden 2017 mit dem Pflegestärkungsgesetz die aktuellen Pflegestufen von Pflege graden abgelöst. "Für die Grade I und II, das entspricht etwa der heutigen Pflegestufe I, wird es kaum Heimplätze geben", sagt Schwesinger. Diese Entwicklung soll durch die moderne Kommunikationstechnik abgemildert werden.