Die irrwitzigen Auswüchse der Mode des 19. Jahrhunderts thematisiert eine Ausstellung im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt: Einschnürende Korsette, Humpelrock, Turnüre oder Keulenärmel sind nur einige der Modeerscheinungen der Zeit. Die Schau "Geliebte Tyrannin - Mode in Bildern des 19. Jahrhunderts" umfasst etwa 85 Zeichnungen und Druckgrafiken sowie Zeitschriften und Bücher.
Zwar besitzt das Museum keine Modesammlung, doch unter den etwa 4500 Zeichnungen, Büchern und Zeitschriften des Bestandes befinden sich Porträts, Sittenbilder, Genreszenen und Karikaturen, in denen Mode mehr als nur Begleiterscheinung ist.
Anders als die Modefotografie hatten die Zeichnungen im 19. Jahrhundert nicht die Hauptaufgabe, die modischen Strömungen ihrer Zeit in einem Idealzustand abzubilden. Vielmehr stand das Individuum und sein Leben im Vordergrund. Sie zeigten daher eher die "modische Realität" und nicht nur den "letzten Schrei", so die Ausstellungsmacher.
"Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode." - Unweigerlich kommt man zu diesem Schluss. Die Mode brachte im 19. Jahrhundert ästhetische Besonderheiten wie Chemisenkleid, Schutenhut, Hammelkeulenärmel oder Humpelrock hervor, aber auch größte Kunstfertigkeit, Raffinesse und Eleganz.
Die Ausstellung zeigt vor allem den Blick der Künstler auf die Mode. Die Kleidung ist für den Maler oder Zeichner eines der wichtigsten Mittel zur Charakterisierung eines Menschen und zur Darlegung seiner Stellung innerhalb der Gesellschaft.
Künstler schufen weibliche Ideale, wie sie heute wohl eher durch die Medien erschaffen werden. François-Pascal Gérards Psyche auf dem Gemälde "Ball des Albertvereins" oder "Amor und Psyche" (1798) ließen zeitweise alle modebewussten Frauen die Sonne meiden und das Gesicht weiß pudern, um ätherisch zu wirken. Künstler arbeiteten für Modezeitschriften und entwarfen oft Mode-Karikaturen.
Auch sie selbst warfen sich modisch in Szene als Bohemien, Malerfürst oder Naturbursche. Mit Pinsel und Stift folgten sie den sich wandelnden Silhouetten, übertrugen den optischen Reiz neuer Stoffe, Spitzen, Rüschen, Drapierungen oder Perlen auf das Papier oder die Leinwand, schwelgten in Modefarben, die um die Damenkörper flossen, suggerierten im Zweidimensionalen Bauschiges, Transparentes, Luftiges und Schweres, große Volumen und Körpermodellierung, Reflexe und feinste Schattierungen.
Die Bedeutung der Mode darf weder für die Kunst noch die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts unterschätzt werden. Sie beschäftigte Künstler, Philosophen, Literaten, Mediziner, Historiker und Techniker. Je sinnlicher die Frau auf die Männerwelt wirkte, desto größer wurden ihre Chancen, einen finanzkräftigen Ernährer zu finden. Da die Aufmerksamkeit immer wieder aufs Neue geweckt werden musste, strebte die Mode nicht nach Vollendung, sondern nach dem Auffallenden, Aufreizenden und änderte sich ständig.

Bedingungslose Opfer

Die Mode spiegelte gesellschaftliche Entwicklungen, erfreute und knechtete ihre Sympathisanten. Sie fand bedingungslose Opfer und gnadenlose Feinde. Eintagsfliegen, Dauerbrenner und Revivals gab es damals wie heute. Die Ausstellung befasst sich mit der Mode vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, gesehen durch die Künstler der Zeit. Zeichnungen und Druckgrafiken, begleitet von Schriften über Modephilosophie, Modezeitschriften und historischen Dokumenten geben einen Einblick in die Entwicklungen dieses Zeitraumes, von den Veränderungen nach der Französischen Revolution, über die Jahre des Biedermeier, bis zu den Gründerjahren und zur Belle Epoque.
Die Mode des deutschsprachigen Raumes steht im Zentrum der Präsentation, doch zeichnen sich in ihr auch internationale Tendenzen ab - etwa der Einfluss Frankreichs auf die Damen- und der Einfluss Englands auf die Herrenmode oder der europäische Siegeszug der Warenhäuser und der Konfektionskleidung nach 1850.
Darüber hinaus treten in verschiedenen Werken deutlich die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Mode vor Augen, so der Wunsch nach öffentlicher politischer Stellungnahme in Form einer "teutschen Nationalkleidung" um 1815 oder auch die wachsende Teilnahme der Frauen am Arbeits- und Großstadtleben, die in praktischen, bewegungsfreundlichen Bluse-Rock-Kombinationen Ausdruck findet.
Die Herrenmode des 19. Jahrhunderts verbildlicht letztlich in ihrer betonten Gleichförmigkeit durchaus auch die wachsende Demokratisierung.

Schweinfurt "Geliebte Tyrannin - Mode in Bildern des 19. Jahrhunderts", bis 8. März, geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr.
epd/ct