"Ihr seid die Toten." - Winston und Julia hielten sich für sicher, wenigstens in diesem einen Moment der versteckten Zweisamkeit. Doch Big Brothers Urteil hallt in ihre Intimität wie Hohn. Was die beiden als philosophische Erkenntnis über ihr Dasein im totalen Überwachungsstaat formulierten, bestätigt ihnen die Stimme aus dem Off als Faktum.
George Orwells 1948 geschriebene Schreckensvision "1984" wirkt im Jahr 2017 beklemmend wie nie zuvor. Der totale Überwachungsstaat ist in seinen Grundstrukturen bereits angelegt, zumindest technisch möglich. Der Schlag der Erkenntnis traf uns 2013 mit den Enthüllungen des früheren CIA-Mitarbeiters Edward Snowden. Eine erschreckende Nachricht über die Machenschaften der Geheimdienste jagt seither die andere. Ob die Menschen, die demokratischen Systeme eine Lehre daraus ziehen?
Der Coburger Schauspielchef Matthias Straub hat jetzt einen eindrucksvollen theatralen Appell in der Reithalle inszeniert, George Orwells "1984" in ungewöhnlicher, eineinviertel-stündiger Bühnenverdichtung. Informationen und Analysen fehlen uns ja nicht; Straub wollte stattdessen körperlich spürbar werden lassen, was es für den Menschen bedeutet, wenn er in ein konformes Gesellschaftssystem eingepresst wird, das per Neusprech und Doppeldenk - "alternative Fakten" - bis in seine Gedanken, seine Seele reicht.
Der Tanz vermag die Seele des Menschen in der Bewegung des Körpers zu zeigen wie keine andere Kunstform, weshalb Straub die Umsetzung seines Konzeptes zu "1984" - selbstverständlich eine Auswahl an zentralen Motiven - dem Coburger Tänzer Takashi Yamamoto übertrug.
Federico Frigo als (Edward Snowden ähnlich sehender) Winston zeigt sehr beklemmend die Einsamkeit, das lähmende Misstrauen, das Nichtleben des Menschen im alles beherrschenden System. Die Angst, die Fremdbestimmung ziehen immer wieder in Wellen durch den Körper, vereinten Winston aber auch mit allen anderen im System Funktionierenden, prägnant dargestellt von der restlichen Compagnie des Landestheaters, die Yamamoto in maschinenhaft pendelnde Formationen zwingt. Jede individuelle Armbewegung kann gefährlich, weil verräterisch sein.
Takashi Yamamoto, vom Ensembletänzer sichtlich zum eigenständigen Choreografen reifend, zeigt die (inneren Geschehnisse) mit bereits erstaunlich scharf umrissener, eigener Bewegungssprache. Zu überwiegend beklemmender und rhythmisch antreibender Elektromusik fand er erschreckende Bilder für den Zwang des Gleichförmigen, die hilflosen Ausfälle in Momente der Menschlichkeit, wenn die Körper einseitig wegknicken, einzelne Körperteile isoliert aus dem Ganzen herauszucken.


Zweisamkeit ist verboten

Winston und Julia (Mireia Martinez Pineda) erkennen sich als Aufbegehrende. Sie nähern sich vorsichtig in einem sehr berührenden Pas de deux, beginnen sich ineinander zu wiegen, beugen sich ineinander, voller Furcht und gleichzeitig die ungeheure Kostbarkeit des Momentes schmeckend. Denn Zweisamkeit ist Individualität, Unabhängigkeit und damit verboten. Sex sowieso.
Doch "Big brother is watching you" und tritt ein in die verzweifelte Zweisamkeit, verkörpert durch den tückischen O'Brien, den der in seiner Bühnenpräsenz ebenfalls sehr intensive Sylvain Guillot darstellt: "Ihr seid die Toten."
Die folgenden Bilder von Folter und Gehirnwäsche Winstons reichen nicht ganz heran an die durchdringende Typik von Yamamotos sonstiger Szenengestaltung, sind vielleicht zu handlungsbetont. Doch im Gesamten geht das Konzept von Matthias Straub auf, gerade auch, weil er die Emotionalität des Tanzes mit dokumentarischen Videoeinspielungen kontrastiert.
Mit dem auf die kerkerhafte Rückwand der Bühne (Ausstattung Udo Herbster) live projizierten Kamerablick in Winstons Augen und den an der Mau er gespenstisch einhämmernden, Maschinen-geschriebenen Notizen und Erkenntnissen Winstons blicken wir - wie Big Brother - in die Seele des Überwachten.
Dass die Darsteller in ihrer jeweiligen Sprache bleiben, als Winston und Julia spanisch sprechen, Guillot als O'Brien französisch, während die Anhörungen aus dem amerikanischen Kongress in Englisch kommen, betont die Internationalität der Bedrohung. Edward Snowden wird in einer Interviewpassage gezeigt, wie er erläutert, was heute schon gang und gäbe ist: Bankdaten werden mit Einkaufs-, Handy-, Internetdaten... zusammengefügt zu Metabildern, die es erlauben, weitreichende Persönlichkeits- und Lebensprofile eines Bürgers anzulegen, die nutzbar sind für vieles, sehr vieles: Wenn Du Pech hast und gerade mit irgendeinem Fahndungsprofil übereinstimmst oder von einer Überwachungskamera an einem bestimmten Ort erfasst wurdest, bist Du im Kreis der Verdächtigen erfasst, erklärt Snowden in einer Doku-Szene.

Die Produktion Landestheater Coburg: "1984", Ballett von Takashi Yamamoto und Matthias Straub nach dem Roman von George Orwell. Konzept und Regie Matthias Straub, Choreografie Takashi Yamamoto. Ausstattung Udo Herbster. Darsteller: Mireia Martinez Pineda, Federico Frigo (alternierend mit Jaume Costa Guerrero), Sylvain Guillot, Chih-Lin Chan, Lucia Colom, Natalie Holzinger, Lauren Limmer, Joshoa Limmer

Weitere Termine , 13., 27.,, 28., Juni, 20 Uhr, 29. Juni, 11 Uhr, in der Reithalle.

Die Vorlage George Orwells Roman "1984", geschrieben von 1946 bis 1948, beschreibt einen totalitären Überwachungsstaat. Winston Smith, einfaches Mitglied der Staatspartei, will sich der allgegenwärtigen Überwachung zum Trotz seine Privatsphäre sichern und etwas über die reale, nicht redigierte Vergangenheit erfahren. Er gerät in Konflikt mit dem System, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht.