Mancher tröstet sich mit der Bibel: "Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen", heißt es im Johannes Evangelium. Doch manchmal fehlt die letzte Wohnung, die letzte Heimstatt auf Erden. Wo kann ein Sterbender leben bis zuletzt?
Eben weil das für viele Menschen eine an die Existenz gehende Frage ist, hat sich in Coburg im Jahr 2006 der Verein "Lebensraum - ein Hospiz für Coburg" gegründet. Sowohl die Ärzte in der Strahlentherapie als auch die ehrenamtlichen Sterbebegleiter des seit 1995 bestehenden Hospizvereins erkannten: Es geht nicht mehr ohne ein Hospiz.
"Immer wieder standen die Ärzte vor der Frage, wohin sie todkranke Patienten entlassen können, wenn zu Hause niemand ist, der sie versorgt", erzählt Vereinsvorsitzende Vera Romahn. Ihr Mann betreibt eine radiologische Praxis. Er überredete Ende der 90er Jahre seinen Studienfreund Detlef Latz, in Coburg die Strahlentherapie aufzubauen. Latz und sein Kollege Martin Alfrink waren es, die das Thema Hospiz immer wieder aufbrachten, erinnert sich Vera Romahn.
Krankenhäuser sind zum Heilen da. Das nennt sich kurative Pflege. Doch Schwerstkranke, für die es keine Heilung mehr gibt, brauchen Pflege, die in erster Linie ihr Leiden lindert und die Lebensqualität verbessert, sogenannte palliative Pflege. Die Palliativstation an der Geriatrie im Klinikum kann solche Patienten aber nur vorübergehend aufnehmen. Sterben müssen sie woanders.
Pflegeeinrichtungen für Senioren sind mit Sterbenden überfordert, sagt Inge Panzer. Sie kennt das aus eigener Erfahrung: Die Pflegekräfte haben keine Zeit, um Sterbenden das zu geben, wessen sie bedürfen, nämlich Zeit und Zuwendung. Inge Panzer war neben ihrem Beruf als ehrenamtliche Sterbebegleiterin beim Hospizverein Coburg tätig. Seit August ist sie eine der Koordinatorinnen im Coburger Palliativ-Netzwerk und zuständig für Sterbebegleitung und Beratung.

Bedarf ist vorhanden


Meist seien es die Angehörigen, die um Begleitung bitten, erzählt Inge Panzer. Der Sterbende braucht Zuwendung und Pflege, oft rund um die Uhr. Das fordert und zehrt. Die Sterbebegleiter springen ein, helfen aus, lenken ab, hören zu. "Jeder Fall ist anders", sagt Inge Panzer. Im Vordergrund stehen die Wünsche und Bedürfnisse der Sterbenden und ihrer Nächsten, nicht das, was ein Hospizhelfer für richtig halten mag.
Die Hospizhelfer tun, was sie können und was gewünscht ist, um Sterbende und ihren Angehörigen zu unterstützen. Doch auch sie kommen an die Grenze, wenn ein Sterbender seinen Angehörigen nicht mehr zumuten will, ihn zu Hause zu pflegen. Dann bleiben nur die Hospize in Erlangen, Bayreuth oder Naila, jedes mindestens eine Autostunde entfernt von Coburg. "Vielen Angehörigen ist das zu weit", sagen Vera Romahn und Inge Panzer, unabhängig voneinander.
Auch eine Umfrage bei Ärzten und Kliniken ergab schon 2006 einen Bedarf nach einem Hospiz mit sechs bis acht Betten. Doch eine solche Einrichtung lässt sich im planwirtschaftlichen deutschen Gesundheitssystem nicht einfach so schaffen. Bis 2008 sah der Bedarfsplan für ganz Oberfranken nur 18 Betten vor, und die gibt es schon in Bayreuth (zehn) und Naila (acht).
Der junge Verein "Lebensraum" sah sich schon am Ende. "2008, als wir fast aufgeben wollten, kam die Pflegegesetzreform", erinnert sich Vera Ro mahn. Damit war der Weg für ein Hospiz in Coburg grundsätzlich frei, doch es gibt weitere Hürden. Ein Träger musste gefunden werden, der das Haus auch betreibt. Das übernimmt die Caritas. Stadt und Landkreis haben Unterstützung beim Bau zugesagt. Errichtet werden soll das Hospiz neben dem Seniorenheim St. Josef in der Kükenthalstraße. Zudem soll ein Hospiz nicht gewinnorientiert arbeiten. Die Träger müssen nachweisen, dass sie fünf Jahre lang zehn Prozent der Kosten pro Jahr aus eigener Kraft decken können. Bei acht Betten sind das 80 000 Euro im Jahr, in fünf Jahren also 400 000 Euro. Erst dann gibt es die "Inaussichtstellung des Versorgungsvertrages durch den Krankenkassenverband", sprich: eine Genehmigung.
Seitdem sammeln Vera Ro mahn und ihre rund 30 Mitstreiter. Seit Mitte Dezember wissen sie, dass sie kurz vor der magischen Grenze sind - allein die HUK Coburg gab kurz vor Weihnachten 17 000 Euro, das Benefizkonzert "Ein Stern am Himmel" brachte 6000 Euro und 1000 Euro kamen von der Triebsdorfer Möbelfirma m24.
All das zeigt: Der Rückhalt für ein Hospiz in Coburg ist groß. Auch beim Hospizverein: "Sterbebegleitung und Hospiz, das ergänzt sich", sagt Inge Panzer. "Der Hospizverein wird sich auch im Hospiz einbringen."