Er hat ein schönes Leben gehabt. Zusammen mit seinen Eltern und seinen Geschwistern wohnte er in einem Haus in der Nähe von Kabul. Ging regelmäßig zur Schule. "Bis die Taliban auftauchten", erzählt Masood (Name von der Redaktion geändert). Das war vor zwei Jahren. Mittlerweile lebt der 17-jährige Afghane in einer Wohngruppe für unbegleitete Jugendliche im südlichen Landkreis. Nach Hause telefoniert er einmal im Monat.


Sein Deutsch ist gut. Masood kann sich gut ausdrücken. Wenn ihm die Stimme wegbricht oder ihm ein Wort nicht einfällt, hilft ihm Agathe Prommersberger-Jungels, die pädagogische Leiterin der Wohngruppe vom Institut für Psycho-Soziale Gesundheit in Weitramsdorf.


Er sei angeworben worden. Zunächst hätten die Männer versucht, ihn in der Schule zu überzeugen, für den Dschihad zu arbeiten. Später seien sie nachts ins Haus gekommen und hätten ihn und seine Eltern unter Druck gesetzt. Masood sollte als Selbstmordattentäter agieren. Mit Sprengstoffgürtel bewaffnet wollte man den 15-Jährigen einsetzen, sagt er.


Für seine Eltern war das schließlich ausschlaggebend, dass sie ihren Sohn wegschickten. Über den Iran, die Türkei, Ungarn und Österreich kam er nach Coburg. Wie er bei einem der letzten Telefonate erfahren hat, wurde der Vater krankenhausreif geschlagen, weil er seinen Sohn weggeschickt hat. Soweit die Darstellung des jungen Mannes, der die Berufsschule II in Coburg besucht und unbedingt eine Lehre als Automechatroniker machen möchte.


Zuversichtlich, dass ihm das gelingt, ging er auch in das Gespräch mit dem BAMF - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das alle Flüchtlinge führen müssen, um Asyl zu bekommen. Er erzählte von seinem Schicksal und wartete seitdem auf Nachricht.


Alle neun abgelehnt

Die Stimmung in der Wohngruppe ist getrübt. Alle neun 15- bis 17-jährige Jugendliche, die einem Vormund unterstellt sind und nach dem deutschen Jugendschutzgesetz behandelt werden, haben jetzt einen Ablehnungsbescheid bekommen. Auch Masood.


Den afghanischen Jungs, die in Übergangsklassen gehen, in der Wirtschaftsschule oder der Berufsschule unterrichtet werden, die mehrmals in der Woche Vereinssport machen und die zusätzlichen Deutschunterricht bekommen, wurde "die Flüchtlingseigenschaft nicht zuerkannt", wie es in dem offiziellen Schreiben vom BAMF heißt.


Alle neun klagen dagegen

Jeder einzelne der Wohngruppe ist aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. Sollte er die Frist nicht einhalten, werde er nach Afghanistan abgeschoben. Es wird ihm zugemutet, dass er sich in Afghanistan in einer ruhigeren Region ein neues Leben aufbaut. "Natürlich haben alle erst mal dagegen Klage erhoben", sagt Agathe Prommersberger. Es sind Jungen dabei, die noch nie in Afghanistan gelebt haben, sondern im Iran - und nur dort aufgewachsen sind.

Die Sozialpädagogin ist wütend. "Da werden Folternarben nicht anerkannt, offizielle Schreiben der Polizei in Kabul, in denen der Schutz der Familien verweigert wird, spielen keine Rolle!", echauffiert sie sich. Die teilweise traumatisierten Jugendlichen seien voll motiviert und sehr gut integriert gewesen - bis die Bescheide kamen. "Sie sehen keinen Sinn mehr in ihrem Leben, sind unendlich traurig." Es habe viel Einfühlungsvermögen und Zeit dazu gehört, die jungen Männer wieder aufzubauen.


Masood sagt mittlerweile wieder: "Es muss einfach klappen." Zurück könne er nicht mehr, unterstreicht auch die Wohngruppenleiterin und erinnert voller Grauen an den angedrohten Sprengstoffgürtel.





Das Verfolgungsschicksal glaubhaft machen




Einer der Anwälte, der sich auf Asyl- und Ausländerrecht spezialisiert hat, ist Jan Geerhardt aus Rödental. Er vertritt einige der unbegleiteten Jugendlichen aus der Wohngruppe, die jetzt ihre Ablehnung bekommen haben.
Zu den Einzelfällen kann er gegenüber dem Tageblatt nichts sagen, grundsätzlich erläutert er aber das weitere Verfahren.
Um ein Klageverfahren einzuleiten, muss der Flüchtling seine Geschichte glaubhaft machen. "Natürlich ist es schwierig, Beweise dafür zu bringen", sagt er. Aber, wenn die Fakten und die Zeitschiene zusammenpasst, ist das für die Glaubhaftigkeit eines Verfolgungsschicksals hilfreich.
Es gibt drei Stufen: Die Flüchtlingsanerkennung ist das angestrebte Ziel. Gelingt dies nicht, kann der subsidiäre Schutz-Status erwirkt werden. Den bekomme man, wenn ernsthaft Schaden droht. Und schließlich gibt es noch ein Abschiebeverbot.
Wie das Verwaltungsgericht Bayreuth zu Fällen aus Afghanistan steht, kann Jan Geerhardt zur Zeit nicht sagen. Da sei noch keine Entscheidung getroffen. Im Allgemeinen sei es eher schwierig , die Flüchtlingsanerkennung zu bekommen.


Abschiebung nicht unter 18

Aber auch, wenn das Asylverfahren negativ ausgehe, bedeute das noch nicht, dass die Abschiebung vollzogen werde. Die Abschiebung liege im Ermessen der Ausländerbehörden. "Auch wer nicht anerkannt ist, hat die Möglichkeit seine Ausbildung zu beenden und anschließend noch zwei Jahre hier zu arbeiten", stellt Geerhardt fest - vorausgesetzt die Ausländerbehörde stimmt dem zu.
Allerdings habe das Innenministerium Leitlinien herausgegeben, in denen die Aufenthaltsbeendigung Priorität vor dem Aufenthalt hat. Danach sollen sich die Behörden richten.
Dem gegenüber stünde wiederum die Einschätzung des Wirtschaftsministeriums, das sich vor die IHK und Wirtschaftsverbände stelle. Schließlich sind die jungen Flüchtlinge für die Betriebe oft wichtiger Nachwuchs. Die Unternehmen investieren Zeit und Geld. Das soll nicht umsonst gewesen sein.