Passt das Schaffen eines langen Schriftsteller-Lebens in einen einzigen Theater-Lese-Abend? Natürlich nicht.
Das Landestheater Coburg aber wagt diesen scheinbar aussichtslosen Versuch als Huldigung an Tankred Dorst - und zaubert mit vermeintlich ganz einfachen Mitteln einen spannenden, kontrastreichen, lebendigen Lesemarathon auf die Bühne der Reithalle.


Wobei sich der Begriff Lesemarathon gleichermaßen als Über- wie Untertreibung erweist. Übertreibung - weil der Abend mit Rücksicht auf den 90-jährigen Autor dann doch keine Marathon-Länge bekommt. Untertreibung - weil diese Lesung am Ende weit mehr bietet als nur eine Lesung, im Grunde Theater ohne Kulissen darstellt und letztlich zum fulminanten Kopf-Kino-Abend wird.


"Nach Jerusalem"

Gemeinsam mit seiner Ehefrau und Co-Autorin Ursula Ehler erlebt der in Oberlind bei Sonneberg geborene Tankred Dorst in der ersten Reihe eine Reise durch sein literarische Schaffen - in ganz bewusst sehr subjektiv ausgewählten Ausschnitten, wie Dirk Olaf Hanke bekennt, der den Abend gemeinsam mit Dramaturgin Cordula von Gradulewski konzipiert hat.


Keine langen Vorreden, keine umständliche Moderation - dieser Abend lässt die Texte zu Wort kommen. Zum Auftakt "Ich, Feuerbach", 1986 im Bayerischen Staatsschauspiel München uraufgeführt. Thomas Straus entfaltet das zunehmend verzweifelte Vorsprechen des Titelhelden vor einem unsichtbar bleibenden Regisseur ebenso suggestiv wie nuancenreich nur mit der Kraft des Wortes (sehr präsent in der Rolle des Regie-Assistenten: Dominik Tippelt).


Nächste Station: "Nach Jerusalem". In einer kurzen Szene aus dem 1994 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführten Stück brilliert Anne Rieckhof, bevor der Prosa-Autor Tankred Dorst zu Wort kommt: Stephan Mertl liest einen Ausschnitt aus der Erzählung "Der schöne Ort" - der Geschichte einer abenteuerlichen Reise, die das Mädchen Lily unternimmt, um ihren Vater zu besuchen, den sie für den König von Spanien hält.


Absurd und konkret zugleich

"Merlin oder Das wüste Land" von 1981 gilt als ein Hauptwerk von Dorst - mit seinen 97 Szenen ein Textsteinbruch, der vollständig kaum auf die Bühne zu bringen ist. Dass in diesem monumentalen Drama auch eine ordentliche Portion grotesken Witzes steckt, beweisen Anne Rieckhof, Thorsten Köhler und Matthias Straub.


Ganz am Schluss dann der Anfang - der dramatische Erstling Dorsts aus dem Jahr 1960: "Die Kurve". Das Werk des damals 35-Jährigen zeigt im Rückblick schon ganz ausgeprägt die Fähigkeit des Autors, das Absurde mit dem Konkreten faszinierend zu verbinden.


Und ganz zum Schluss reiht sich auch noch der Autor selber in die Reihe der Lesenden ein - mit einer Prosa-Skizze unter dem Titel "Der berühmteste Maler der Welt".