Der Mann ist bei der Polizei und dem Jugendamt kein Unbekannter: Bereits aus dem November des Jahres 2011 existiert ein Urteil wegen Misshandlung Schutzbefohlener in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der Vorwurf: Er habe seinen damals sechs Jahre alten Stiefsohn in den Hundezwinger gesperrt, mit dem Teppichklopfer verdroschen, heiß und kalt abgeduscht und nur mit Hausschuhen und T-Shirt bekleidet im Winter vor die Tür gestellt.

Im Frühjahr 2014 stand der Mann in dem anschließenden Berufungsverfahren erneut vor dem Richter. Der damalige Vorsitzende am Landgericht, Gerhard Amend, sah die Taten als erwiesen an und verurteilte den Mann zu einem Jahr und sechs Monaten Bewährungsstrafe, zu gemeinnütziger Arbeit sowie diversen weiteren Auflagen.
Bereits 2010 fiel der gelernte Schmied bei einer Verkehrskontrolle durch sein aggressives Verhalten auf und beleidigte Polizeibeamte mit "Arschloch" und "Rotzlöffel". Wegen Widerstands in Tateinheit mit Beleidigung erhielt er damals eine Bewährungsstrafe.


Turbulente Szenen

Eine Zeugin vom Pflegekinderfachdienst bezeichnete den Angeklagten in der Verhandlung im Februar 2014 als "sehr aufbrausend, cholerisch und aggressiv". Und auch im März kam es zu turbulenten Szenen im Gerichtssaal, so dass Richter Amend die Urteilsverkündung sogar unterbrechen musste.

Augenscheinlich hat der Mann aus seiner Verurteilung nichts gelernt. Nach eigenen Angaben fühlt er sich heute noch zu Unrecht verurteilt. Am Montag stand er deshalb erneut vor Gericht. Oberstaatsanwalt Martin Dippold warf dem Angeklagten versuchten Totschlag, Misshandlung von Schutzbefohlenen und gefährliche Körperverletzung vor. Im Juli letzten Jahres soll der Mann versucht haben, seinen zwölf Jahre alten Stiefsohn mit einem Kissen zu ersticken, nachdem er ihn mehrfach geohrfeigt habe. In einem weiteren Fall sei der Junge von ihm gewürgt und mit der Hand am Hals in die Luft gehoben worden.

Der Bub, der unter ADHS leidet und auf Medikamente angewiesen ist, war danach zu Fuß in die nächste Ortschaft zu seiner Großmutter geflohen: "Er hat mich umarmt, geweint und am ganzen Körper gezittert", sagte sie aus.
Um das Wohl des Kindes sicherzustellen, wurde der mittlerweile 13-Jährige per Videoübertragung befragt. Er erzählte, dass er Todesangst gehabt habe, als der Angeklagte ihm in seinem Kinderzimmer ein Kissen auf Mund und Nase gedrückt habe. "Ich konnte mich ja nicht wehren. Er hat eine Mordskraft."


Unheil braut sich zusammen

Vorausgegangen war ein Streit in einem Biergarten, in dem der Junge sich mit seinen Geschwistern gekabbelt hatte. Sein kleiner Bruder verschüttete sein Getränk und erwischte dabei auch den Vater. Daraufhin sei der Biergartenbesuch abgebrochen worden. Noch im Auto - bei 100 Stundenkilometern auf der Stadtautobahn - soll der Stiefvater herumgebrüllt, sich mehrfach umgedreht und nach seinem Stiefsohn gelangt haben, um ihn zu maßregeln. Zu Hause im Kinderzimmer sollen die lautstarken "erzieherischen Maßnahmen" des Stiefvaters weitergegangen sein, bis hin zu dem Erstickungsversuch.


Was hat sie mitbekommen?

Die Mutter, die währenddessen mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm im Türrahmen des Kinderzimmers stand, will davon allerdings nichts mitbekommen haben. Sie habe ja zudem ein Auge auf die beiden Kinder im Flur gehabt, sagte sie aus. Bei der Polizei und der Ermittlungsrichterin liegen jedoch zwei anderslautende Aussagen vor. In diesen Aussagen belastet die Frau ihren Ehemann, mit dem sie seit 2011 verheiratet ist, als Augenzeugin der Tat erheblich. Im Gerichtssaal widerrief sie die gemachten Angaben jedoch.

Die Frau, die mit Fäkalsprache nur so um sich warf, machte ihre psychische Verfassung dafür verantwortlich. Kurz vor den Aussagen habe sie sich so sehr mit ihrem Mann gestritten, dass sie Angst vor ihm gehabt habe. Aus diesem Grund habe sie ihn auch belastet und das später bitterlich bereut: "Mir sind die Sicherungen durchgeknallt."
Oberstaatsanwalt Martin Dippold glaubte der Zeugin kein Wort und drohte mit Gefängnis, sollte sie nicht endlich die Wahrheit sagen. "Wir hören hier doch heraus, dass Sie Ihren Mann herausboxen wollen", sagte er. Aus diesem Grund bestand er schließlich auch auf der wörtlichen Protokollierung der Aussage, nämlich, dass die Frau, obgleich sie direkt neben dem Bett des Jungen gestanden habe, von dem Erstickungsversuch ihres Mannes mit dem Kissen rein gar nichts mitbekommen habe.
Die Verhandlung wird am kommenden Montag fortgesetzt.