Am 19. Dezember 1932 erhielt die damals projektierte Straße 91 den Namen Von-Schultes-Straße. Nun könnte es sein, dass sie umbenannt wird - zumindest steht das für die Stadtratssitzung am Donnerstag auf der Tagesordnung. "Max-Brose-Straße" wäre dann der neue Name. Der Stadtrat möchte damit den Unternehmer ehren, der 1908 in Berlin sein Unternehmen gründete und 1919 nach Coburg verlegte, wo er die Metallfabrik Haußknecht übernahm. Außerdem entspricht die Umbenennung dem Wunsch von Michael Stoschek, dem Enkel des Firmengründers und langjährigen geschäftsführenden Gesellschafters von Brose Fahrzeugteile.

Schon 2004, das Jahr, in dem Max Brose 120 Jahre alt geworden wäre, stand die Namensgebung auf der (nichtöffentlichen) Tagesordnung des Stadtrats. Doch damals kam die erforderliche Mehrheit nicht zustande - auch, weil ein Teil der Stadträte Vorbehalte gegen eine solche Ehrung hatte. Die wiederum hatten damit zu tun, dass Max Brose 1933 Mitglied der NSDAP geworden war, von 1933 bis 1943 IHK-Präsident war, ab 1938 auch Wehrwirtschaftsführer und dass das Unternehmen Brose Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter beschäftigt hatte.

Das alles sei noch kein Beweis, dass Brose selbst ins Unrechtsregime verstrickt war, argumentiert sein Enkel und stützt sich auf das Urteil im Spruchkammerverfahren. Als "Mitläufer" wurde Brose da eingestuft - aber erst relativ spät, 1949, und zu einem Zeitpunkt, von dem Historiker sagen, dass da der jungen Bundesrepublik Deutschland nicht sehr an einer Aufarbeitung des Nationalsozialismus gelegen war. Die Spruchkammer- oder Entnazifizierungsverfahren waren schon unter den Besatzungsmächten eingeleitet worden. In erster Instanz war Brose noch als "Minderbelastet" in Kategorie 3 von 5 eingestuft worden. Kategorie 5 hieß "entlastet".

Buch zur Firmengeschichte
2008 ließ das Unternehmen Brose seine Firmengeschichte aufarbeiten. Gregor Schöllgen, Professor am Zentrum für Angewandte Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, fasste die Ergebnisse in einem Sachbuch zusammen, das aber keine Quellennachweise enthält. Stoschek sieht seinen Großvater aufgrund dieses Buches entlastet - eine Sichtweise, die sich auch der Stadtrat zu Eigen machte. Am 26. März 2015 beschloss er nämlich, dass Max Brose als Unternehmer und IHK-Präsident kein Fehlverhalten vorzuwerfen sei.

Dagegen und gegen die geplante Straßenumbenennung wendet sich nun der Coburger Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW). Schöllgens Buch sei "in der vorliegenden Form als Grundlage für eine Neubewertung des Verhaltens von Max Brose nicht ausreichend".

Studie unter Verschluss
Außerdem kritisiert die GEW, dass die Stadtratsmitglieder bislang die Studie über Zwangsarbeit in Coburg nicht zu Gesicht bekommen haben, die die Stadt 2001 in Auftrag gab. Wie bei Schöllgen nachzulesen ist, blieb diese Arbeit nach einer Intervention der Firma Brose unter Verschluss. Schöllgen attestiert dem Papier, dass es "nicht einmal wissenschaftlichen Mindestanforderungen" genüge.

Der GEW-Kreisverband fordert, erst die Jahre 1919 bis 1945 in Coburg geschichtlich aufzuarbeiten, bevor über eine Max-Brose-Straße entschieden werde. Es könne keine Rede davon sein, dass alles erforscht sei - laut Angaben der IHK seien alle Akten der Jahre 1929 bis 1945 seit Kriegsende verschollen.

Dafür liegen bislang nicht berücksichtigte Fakten über Max Broses politische Aktivitäten in der Weimarer Republik vor: Brose war zunächst Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP) und gehörte auch kurz (November 1921 bis Juni 1924) dem Coburger Stadtrat an. Anfang 1924 schloss sich die Coburger Ortsgruppe der DVP der Nationalliberalen Landespartei Bayern (NLLB) an, weil die DVP "nach links" rutschte. Als die NLLB sich 1927 auflöste, ging Brose zur Deutschen Nationalen Volkspartei (DNVP) - alles Parteien, die republikfeindliches, nationalistisches, rassistisches und antisemitisches Gedankengut verbreiteten. Der NSDAP trat Brose 1933 bei, auf Drängen des damaligen Coburger Nazi-Oberbürgermeisters Franz Schwede und in einer Zeit, als ein Aufnahmestopp galt.

Verschiebung gefordert
"Der GEW-Kreisverband Coburg appelliert eindringlich an die Mitglieder des Stadtrats Coburg, die Entscheidung über die Umbenennung einer Straße zur Max-Brose-Straße zu verschieben.Einer Entscheidung sollte die wissenschaftliche Aufarbeitung der Jahre 1919 bis 1945 vorausgehen", schreibt der Kreisvorsitzende Jürgen Behling.

Die Grünen im Stadtrat haben schon gefordert, die Entscheidung zu vertagen. Und auch die Fraktion Sozial und bürgernah für Coburg (SBC) wirkt nicht mehr so sicher: "Die Vorgänge um Max Brose und seine Rolle im NS-Regime müssen sachlich und ergebnisoffen auf Basis aller verfügbaren Dokumente und Unterlagen aufgeklärt werden", heißt es in einem Papier, das die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Adelheid Frankenberger unterzeichnet hat. Nur dann werde der Stadtrat darüber befinden können, "wie Max Brose zu bewerten ist".