Jobst Hülsemanns Arbeitstag beginnt um 8 Uhr. Er richtet sich auf seinem Platz ein, klappt seinen Laptop auf, checkt seine E-Mails. Dass sich sein Arbeitsplatz gerade irgendwo zwischen 3000 und 9000 Metern Höhe über dem Erdboden befindet, stört ihn nicht. Hülsemann fliegt nach Coventry, zum dortigen Brose-Werk, im Gepäck neben seinem Laptop einen Prototyp für einen Autositz.

Den haben seine Kollegen noch übers Wochenende optimiert, nachdem der Kunde, die Jaguar-Land-Rover Company (JLR), noch Änderungswünsche hatte. Alle Brose-Sitzsysteme werden in Coburg entwickelt. Nun fliegt Hülsemann als Leiter des JLR-Kundenteams nach Coventry, um die Änderungen den Kollegen vorzustellen, die dort die Produktion organisieren müssen. Außerdem wird er am Nachmittag das Okay vom Kunden einholen. Am Abend ist der 40-Jährige wieder zurück bei seiner Familie.


Regelmäßig auf die Insel

Normalerweise lautet der Zeitplan: 7 Uhr Abflug in Coburg, Landung um 19 Uhr in Coburg, dazwischen zweimal gut zwei Stunden Flug und etwa sechs Stunden Zeit für Gespräche in Coventry. Für solche Flüge betreibt Brose einen eigenen Flugservice. Der heutige Flug ist eine Ausnahme: Hülsemann, der üblicherweise mit weiteren Kollegen fliegen würde, die ebenfalls Termine in Coventry oder bei Kunden in Liverpool hätten, wird heute von Journalisten und Brose-Sprecherin Katja Herrmann begleitet.

Jeden zweiten Donnerstag fliegt eine der drei Brose-Maschinen nach Coventry und bei Bedarf auch weiter; wenn Ostrava auf dem Flugplan steht, fliegen die Piloten meist zweimal hin und her. Sie bringen Coburger Brose-Leute nach Tschechien, holen Kollegen von Ostrava nach Coburg, bringen sie wieder zurück und holen die Coburger wieder ab.


Nürnberg der GAU

Von der Brandensteinsebene in Coburg starten nur noch zwei von drei Maschinen des Brose-Flugdienstes, nämlich die beiden Propeller-Maschinen vom Typ Beechcraft King Air. Der Jet ist in Bamberg stationiert, denn die Coburger Landebahn ist für ihn zu kurz. Aber in Coburg ist Instrumentenflug möglich, anders als in Bamberg. Und so soll es auch bleiben, wünschen sich die Piloten Christian Vohl und Michael Stangl, wünscht es sich Jobs Hülsemann. "Wenn wir kurzfristig morgens erfahren, dass wir ab Nürnberg statt Coburg fliegen müssen, ist das für mich der GAU für die Tagesplanung mit Kundenterminen in England."

Nicht unbedingt, weil die Anfahrt so viel weiter wäre. Aber die Abläufe auf dem Großflughafen sind komplizierter. In Nürnberg wird in jedem Fall das Gepäck kontrolliert, ein Kleinbus bringt die Passagiere zum Rollfeld - "ich brauch' schon hinwärts zwei Stunden länger", sagt Hülsemann. Wenn er, was auch vorkommt, ein Linienflugzeug nach England nehmen muss, ist er drei Arbeitstage lang unterwegs statt einem.


Schnell reagieren

Ohne die persönlichen Kontakte zu Kollegen und Kunden geht es nicht, ist Hülsemann überzeugt. Videokonferenzen oder E-Mails können persönliche Gespräche nicht ersetzen. Vor allem kann beim direkten Kontakt das Produkt selbst überzeugen. "Der Kunde bekommt von uns ein Muster zur Verfügung gestellt, erläutert und vorgeführt, mit dem er sich auseinandersetzen kann." Ein Großteil der Einzelteile für die Sitzsysteme wird bei Brose in Coburg gefertigt. In Coventry werden sie zusammengebaut, parallel zur Fahrzeugproduktion.

"Wir haben eine halbe Schicht Vorlauf", sagt Hülesmann. Inzwischen liefert Brose für alle Land-Rover-Modelle die Vordersitze und bei den meisten auch die Rücksitze. Außerdem fertigt Coventry für fast alle Autohersteller in Großbritannien die Fensterheber.


Qualität sichern

Weltweit haben sich die Zulieferer da angesiedelt, wo die Automobilhersteller sitzen. Das Werk Coburg ist da fast schon ein Anachronismus. Die neuen Werke entstanden neben Automobilfabriken, wie in Merane oder in Ostrava.

Durch die neuen Werke ist aber auch der Standort Coburg gewachsen; ohne die eigenen Flugverbindungen könnte Brose seine Qualitätsstandards weltweit nicht garantieren, denn auch dazu trägt der regelmäßige Austausch bei. Da fliegen auch mal Werkstattmeister aus Coventry nach Coburg, um zu erfahren, wie dort die Produktion abläuft.


Rundgang durchs Werk

Das alles sollen die Journalisten mit eigenen Augen sehen und hören können. Deshalb dürfen sie Hülsemann an diesem Tag begleiten, mit Montageleiter (Sitzsysteme) Thomas Heinz durch die Autositzfertigung in Coventry gehen, Craig Brown beim Zusammenbau des Untergestells fotografieren, Werkleiter Jürgen Zahl nach der Bedeutung der schnellen Flugmöglichkeiten für das Werk befragen und in einem malerischen Traditionspub zu Mittag essen.

Und wie um zu beweisen, dass der eigene Flugservice unschlagbar ist, kommt ein weiterer angekündigter Gesprächspartner gar nicht erst dazu: Der Leiter der Sitzfertigung Coventry, Markus Edelmann, war auf einen Linienflug gebucht, verpasste ihn aber unter anderem wegen Stau auf der Autobahn und kam erst am Nachmittag in Coventry an. Da hatte Jobst Hülsemann schon einen großen Teil seiner Termine absolviert.


Partner beeindruckt

"Dass wir so schnell auf die Kundenwünsche reagieren können und notfalls auch mal einen Kunden nach Coburg fliegen, damit er selbst die Crashtests verfolgen kann, schätzen unsere Partner sehr", ist Jobst Hülsemann überzeugt. Das sei eindeutig ein Wettbewerbsvorteil.

Zahlen, was der eigene Flugservice kostet, lassen sich bei Brose nicht erfahren. Wer einen solchen Flug bei einer entsprechenden Chartergesellschaft buchen will, zum Beispiel für sechs Personen in einer Propellermaschine von Nürnberg nach Coventry, muss mit Preisen von rund 10.000 Euro rechnen. Einfach.