19,2 Kilogramm - diese Zahl wird er wohl nie vergessen. Heute, 70 Jahre später, sitzt Kurt Stenzel am Tisch, körperlich wohlauf, und erzählt von der Zwangsumsiedlung der Sudetendeutschen nach Bayern. Als siebeneinhalb-jähriger Junge erlebte er die Umsiedlung selbst mit, man konnte ihm die Strapazen auf den ersten Blick ansehen: Als abgemagerte Gestalt mit gerade mal 19,2 Kilogramm traf er damals im bayerischen Furth im Wald ein.
Doch seine Familiengeschichte beginnt schon Jahre zuvor. Sie spielt nicht nur in der damaligen Tschechoslowakei und Bayern, sondern auch in den eisigsten Ecken Sibiriens. Davon zeugen verschiedenste Dokumente, unter anderem Postkarten, Familienfotos und Personenlisten, die der heute 77-Jährige jahrelang aufbewahrte und die am kommenden Montag an das Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg übergeben werden sollen.


Karten aus Lager Nummer 7950

"Ich bin fest davon überzeugt, dass das Jahr 48 das große Glücksjahr sein wird, das Wiedersehen mit Euch zu feiern", steht in feinsäuberlicher grüner Schrift auf einer der Postkarten, die am 1. Januar 1948 aus einem sibirischen Arbeitslager verschickt wurde. Für Karl Stenzel, Kurts Vater und den Versender der Karten, war es eine lange Zeit voller Ungewissheit. "Was machen die Kinder (...), was machst du (...)? Ich habe schon so oft gefragt, aber keine Antwort bekommen", schreibt er. Beim Roten Kreuz Moskau und dem deutschen Suchdienst gab er am 30. August 1946 eine Suchanfrage auf.
Denn während er nach Ende des Zweiten Weltkrieges im sibirischen Arbeitslager Nummer 7950 landete, musste seine Familie, die bis dahin im tschechoslowakischen Zuckmantel wohnte, im Zuge der Beneš-Dekrete das Land verlassen. Ausbürgerung und Enteignung waren für die meisten Sudetendeutschen nach dem Krieg unumgehbar. Kurt Stenzel, der seit Kindesalter bei seinen Großeltern Josef und Berta Kunze lebte, erinnert sich: "Mein Opa war im städtischen Gas- und Wasserwerk beschäftigt. Die Tschechoslowaken brauchten ihn, daher durften wir länger bleiben." Doch als die in Zuckmantel angesiedelten tschechischen Menschen begonnen hatten, die schon verlassenen Häuser zu bewohnen, wusste er, dass die für ihn und seine Familie bevorstehende "Reise" aus der Heimat endgültig sein würde.


Flucht vor der Roten Armee

Es war nicht die erste Reise für die Kunzes und Stenzels. Während des Krieges flogen die Alliierten über Zuckmantel. Der Krieg brachte, wie für viele andere auch, ein Leben in Angst und Unsicherheit: "Ihr sudetendeutschen Zwerge kommt zuletzt in eure Särge", lautete eine von Flugzeugen abgeworfene Botschaft der Alliierten, die Kurt Stenzel bis heute im Gedächtnis blieb. Kurz vor Ende des Krieges wurde die Familie wegen der nahenden Roten Armee von der NSDAP über Ostern für einige Tage ins Adlergebirge umquartiert. Den langen Weg zurück mussten sie zu Fuß bewältigen. Kurt Stenzels kleiner Bruder starb einige Monate danach, denn auf Grund des Hungers und der Strapazen hatte seine Mutter den erst acht Monate alten Jungen auf dem langen Fußmarsch nicht stillen können.
Sieben Jahre zuvor, 1938, hatten viele Sudetendeutsche jubelnd an den Straßen gestanden und den Einmarsch Hitlers willkommen geheißen. "Wir waren keine Nationalsozialisten, wir hofften einfach nur, frei leben zu können. Wir wollten einfach nur sein, was wir waren: Deutsche", betont Kurt Stenzel.
Doch die Hoffnung auf ein deutsches Leben im Sudetenland zerschlug sich, nach Kriegsende folgte die Ausbürgerung. Im August 1946 wurden auch Kurt Stenzel und seine Familie - mit Ausnahme des Vaters - in einen Viehwaggon gesteckt. 29 Menschen befanden sich in dem Transporter, nur ein kleiner Schlitz an der Tür ließ ein wenig Sauerstoff hinein.
Einige wenige durften auf den Kisten sitzen, in denen sich das wichtigste Hab und Gut befand. Das ganze Leben einer Familie in einer 80 x 55 x 55 Zentimeter kleinen Holzkiste - mehr durfte man nicht mitnehmen. "Ab und zu gaben uns die Tschechoslowaken ein Stück Brot, obwohl sie selbst kaum etwas zu beißen hatten", bemerkt Kurt Stenzel anerkennend. "Den Umständen entsprechend hat man uns fair behandelt." Zirka sieben Tage und Nächte dauerte die Fahrt im Viehwaggon.


Hilfsbereitschaft in Bayern

Die Holzkisten hat der 77-Jährige heute noch. Schon etwas brüchig, aber noch immer mit Namen versehen, stehen sie in seinem Haus und erinnern an der Sudetendeutschen Erlebnisse, die in Vergessenheit zu geraten drohen. Daher werden die Truhen mit den anderen zeitgeschichtlichen Dokumenten im Haus der Bayerischen Geschichte in Augsburg oder bald auch Regensburg, wo gerade ein zweites Geschichtshaus entsteht, zu begutachten sein. Dort kroch der Viehwaggon am 27. August 1946 nämlich über eine Behelfsbrücke über die Donau. Darunter feierte man gerade ausgelassen die Dult, ein Volksfest der Einheimischen. Zwar habe es zwischen diesen und den Vertriebenen auch Differenzen gegeben, aber das Bayerische Rote Kreuz und Helfer der katholischen Kirche hätten sich der Heimatvertriebenen angenommen und mit Fürsorge und Hilfsbereitschaft reagiert.
Am 19. Juni 1948 wurde Kurt Stenzels Vater schließlich aus sibirischer Gefangenschaft entlassen und kehrte zur Familie zurück. Es sind die positiven, aber auch die negativen Erinnerungen, die bleiben. Es sind Erinnerungen von einem Leben als Sudetendeutsche, als Heimatvertriebene und als Neuankömmlinge. Gerade in der heutigen Zeit erfahren diese plötzlich wieder einen aktuellen Bezug.