"Ich sehe aus wie ein Solms", sagt Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha. In der Familie seiner Mutter Viktoria-Luise zu Solms-Baruth fand der Chef des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha seine Vorbilder und seine Wertvorstellungen. Viktoria Luise heiratete 1941 ihren Cousin Prinz Friedrich-Josias, den jüngsten Sohn von Carl Eduard und Viktoria-Adelheid von Sachsen-Coburg und Gotha. Die Mütter der Brautleute waren Schwestern aus dem Haus Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg.

Prinz Andreas selbst beschreibt den großen Einfluss, den die Familie mütterlicherseits auf ihn hatte, in seinen Lebenserinnerungen, die jetzt als Buch erschienen sind: "I did it my way." Der Enkel des letzten regierenden Coburger Herzogs spannt darin den Bogen von seinen Großeltern bis in die Gegenwart, da er selbst Großvater zweier Enkel ist.

Die Familiengeschichte der Coburgs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gäbe Stoff für eine Fernsehserie. Prinz Friedrich-Josias, Andreas' Vater, war der jüngste Sohn und gar nicht als Nachfolger des Herzogs vorgesehen. Aber weil der älteste Bruder die falsche Frau heiratete und der zweite im Krieg fiel, ging die Position des "Chefs des Hauses" auf Friedrich-Josias und mit seinem Tod 1998 auf Prinz Andreas über.

Der "Chef des Hauses" ist innerhalb der Familie von Bedeutung: Er kann zum Beispiel Eheschließungen für standesgemäß erklären. Weitaus wichtiger ist die Position des Oberhaupts der Familienstiftung, der die Familie nach dem Ersten Weltkrieg ihre Ländereien, Immobilien und etliche Kunstschätze übereignete. Der Stiftungsvorstand - erhält seinen Lebensunterhalt von der Stiftung "unabhängig davon, ob er arbeitet oder nicht", erläutert Prinz Andreas.

Carl-Eduard selbst trat noch vor seinem Tod als Haupt der Stiftung zurück und ernannte aus steuerlichen Gründen seinen Enkel Andreas zu seinem Nachfolger. Damit war der eigene Sohn übergangen worden, der zu dieser Zeit in Schweden arbeitete und später Denise von Muralt heiratete, die als Kindermädchen im Königshaus bei seiner Schwester Sibylla arbeitete. Andreas, noch ein Kind, war in den USA. Deshalb leitete die frühere Herzogin Viktoria-Adelheid bis zu ihrem Tod 1970 zusammen mit dem Geschäftsführer die Stiftung.


Schwierige Verhältnisse

Er habe seinen Vater erst als Jugendlicher richtig kennengelernt, erzählt Andreas in seinem Buch. Damals lebte Friedrich-Josias schon mit Frau und drei Kindern in Argentinien. Das Verhältnis von Vater und Sohn war kompliziert und nicht ohne Spannungen. Seine Mutter und sein Stiefvater Richard "Dick" Whitten beklagten sich nie darüber, dass Friedrich-Josias keine Verantwortung übernahm, wie Andreas betont. Dass sein Vater andere Wertvorstellungen hatte, wurde Andreas klar, als er mitansehen musste, dass die Geliebte (und spätere Frau) seines Vaters bei diesem einzog, kaum, dass Ehefrau Denise mit den Kindern in die Schweiz abgereist war. "Nur um Vaters Gegenliebe zu gewinnen, konnte ich bei meinen moralischen Prinzipien keine Kompromisse machen. Und das tat ich auch nicht."

In den 60er Jahren musste sich Prinz Andreas mit dem Gedanken vertraut machen, Großgrundbesitzer in Deutschland zu werden. 1965 siedelt er über und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Ein zusätzlicher Beweggrund war, dass er sonst als Soldat der USA in den Vietnamkrieg gemusst hätte. Nach Coburg zog er erst 1975. 1997 übernahm er die Geschäftsführung in der Familienstiftung. Friedrich-Josias starb 1998.
Zu diesem Zeitpunkt war Deutschland schon wiedervereinigt, und die Stiftung verhandelte um die Erstattung der einstigen Besitztümer in Thüringen. "Dabei musste auf jeden Fall verhindert werden, dass wir selbstherrlich erschienen und die Behörden gegen uns aufbrachten", vermerkt Prinz Andreas dazu. Außerdem erschien es ihm besser, in den Verhandlungen flexibel zu sein, "da es der Regierung einfach unmöglich war, uns jeden Hektar Land und jedes Anwesen zurückzugeben". Am Ende waren es 7000 Hektar, die die Familienstiftung zurückerhielt. Im Gegenzug verzichtete sie auf Schlösser wie Reinhardsbrunn und Friedenstein, die zu unterhalten ohnehin mühsam gewesen wäre. Schließlich hatte die Stiftung schon Schloss Callenberg bei Coburg wieder zurückgekauft und in ein Museum umgewandelt.

"Mein Ratgeber ist da", sagt Prinz Andreas und tätschelt seinen Bauch. "Man muss sich Dinge überlegen, dazu stehen und nicht darauf hören, was andere sagen." Dem Buch zufolge ist der Chef des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha ganz zufrieden mit sich: "Wenn ich betrachte, was wir in den vier Jahrzehnten erreicht haben, während derer ich für die Familie gearbeitet habe, kann ich mich zurücklehnen und mich freuen."


Königliche Verwandtschaft

Vor allem brachten diese 40 Jahre die Familie zurück in die europäischen Adelskreise, denn Prinz Andreas pflegte die familiären Kontakte oder knüpfte sie neu. Die Landesausstellung "Ein Herzogtum und viele Kronen" 1997 lockte viele Vertreter des Hochadels nach Coburg; die Hochzeit von Erbprinz Hubertus und Prinzessin Kelly 2009 wurde zum "Treffen der königlichen Sippschaft", wie es im Buch heißt.

Nur zu den Verwandten in England bleibt das Verhältnis etwas schwierig. Immerhin wurden Prinz Andreas, Erbprinz Hubertus und Prinzessin Kelly 2010 zur Eröffnung der Ausstellung "Victoria & Albert: Arts & Love" eingeladen und persönlich von Prinz Charles begrüßt, wie Prinz Andreas sich im Gespräch erinnert. "Das war das erste Mal, dass die von Sachsen-Coburg und Gotha offiziell im Buckinghampalast waren."

Prinz Andreas hatte sich 2012 freiwillig in den Ruhestand zurückgezogen. Doch nun "fühle ich mich wie ein Segelboot, das segeln möchte, aber nicht mehr darf", wie er selbst schreibt. Vielleicht hat er die Lösung für dieses Problem schon gefunden: Zusammen mit seinem Co-Autor Arturo Beéche (USA) möchte er einen Verlag gründen, der Beéches Bücher auf Deutsch herausbringt. Beéche betreibt in den USA den Verlag Eurohistory, Schwerpunktthema Adelshäuser. Beéches Spezialgebiet sind die Coburgs: 2013 erschien sein Buch "The Coburgs of Europe", das nun vermutlich als eines der ersten in dem neuen Prinz-von-Coburg-Verlag auf Deutsch erscheinen wird. Außerdem in Planung: Ein Buch mit den Lebenserinnerungen von Prinz Andreas Mutter.


Großvaters Tragödie

Der ehemalige Herzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha war ein bekannter Parteigänger der Nazis, von Hitler zum Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes gemacht und weltweit unterwegs.

Ausführlich widmet sich Prinz Andreas in seinem Buch dem Leben des "Großvater Coburg". Ohne dessen Rolle im Dritten Reich beschönigen zu wollen, schildert er ihn als gebildeten, aber auch schwachen Menschen, der als 16-Jähriger genötigt war, eine neue Identität anzunehmen: Charles-Edward of Albany war englischer Prinz, Enkel von Queen Viktoria, und musste ein deutscher Fürst werden, erzogen unter der Aufsicht des Kaisers Wilhelm II., ebenfalls ein Enkel der Queen.

Der Erste Weltkrieg kappte die Verbindung mit der englischen Familie, das Kriegsende brachte die Auflösung des Herzogtums und nahm Carl-Eduard Funktion und Bedeutung. Prinz Andreas vermutet, dass sein Großvater sich den Nazis anschloss, weil sie versprachen, die alte Ordnung wieder zu etablieren und er sich blenden ließ.

"Obwohl er ein feiner Mensch war, traf Großvater Coburg eine schreckliche Entscheidung, als er sich auf Hitler und seine Schläger einließ", schreibt sein Enkel. "Nichts kann ihn der Verantwortung entheben, dass der den Nationalsozialismus unterstützt hat. (...) Seine wahre Tragödie liegt in der Tatsache, dass Großvater Coburg ein Mann war, dem es an Charakterstärke fehlte; sonst hätte er bemerkt, dass er benutzt wurde."

Das Gegenbeispiel zu "Großvater Coburg" hatte Prinz Andreas in seinem "Großvater Solms": Hans-Georg zu Solms-Baruth lehnte den Nationalsozialismus ab und saß nach dem Attentat des 20. Juli bis zum Kriegsende in Gestapo-Haft.


Signierstunde

Am Samstag, 7. Mai, 11 Uhr, signiert Prinz Andreas sein Buch in der Coburger Buchhandlung Riemann (Markt 9). Das Buch ist im Buchhandel erhältlich: I did it my way. Die Lebenserinnerungen von Prinz Andreas von Sachsen-Coburg und Gotha. Herausgeber Arturo Beéche, Verlag Eurohistory, 40 Euro. Arturo Beéche, Historiker und Journalist, hat schon einige Bücher über den europäischen Adel herausgegeben. Aufgewachsen in Costa Rica, studierte er in den USA, wo er heute auch lebt. Prinz Andreas lernte er kennen, als er in seiner Studienzeit durch Europa reiste. In Coburg angekommen, erhielt Beéche den Tipp, doch einfach bei Prinz Andreas zu klingeln. Aus diesem spontanen Besuch vor über 20 Jahren entwickelte sich eine intensive Freundschaft.