Rettungseinsatz für die Sanitäter: Ein Diabeteskranker braucht schnell Glucose, die Atmung eines Unfallopfers muss mit einer Intubation sichergestellt werden. Diese invasiven Maßnahmen sollen künftig Notfallsanitäter ausführen dürfen und können.

Für die Rettungssanitäter und Rettungsassistenten der Hilfsorganisationen BRK (Bayerisches Rotes Kreuz) und ASB (Arbeiter-Samariter-Bund) steht in den nächsten Jahren ein straffes Lern- und Fortbildungsprogramm an. Seit dem 1. Januar 2014 hat der Notfallsanitäter den Rettungsassistenten abgelöst, ab dem Jahr 2024 muss in jedem Rettungswagen ein Notfallsanitäter mitfahren. Das neue Berufsbild setzt eine höhere Qualifikation voraus, die Ausbildung dauert nun drei statt zwei Jahre. Schließlich sollen Notfallsanitäter im Einsatz bestimmte Aufgaben von Notärzten übernehmen.

Dagegen sprechen sich mit Vehemenz die Bundesärztekammer und der Marburger Bund aus. Der Marburger Bund ist die Interessenvertretung der angestellten und verbeamteten Ärzte.


Beileibe nicht der gleiche Job

Beim Kreisverband Coburg des BRK sowie dem Regionalverband Coburg des ASB haben einige Mitarbeiter schon den Vorbereitungskurs für den Notfallsanitäter absolviert. "Wir werden im Herbst mit der Ausbildung beginnen", sagt Albert Florschütz, Rettungsdienstleiter des Arbeiter-Samariter-Bundes. Und sein Pendant beim Roten Kreuz, Volker Drexler-Löffler, möchte noch in diesem Jahr sieben Helfer zum Notfallsanitäter weiterqualifizieren. Die Weiterbildung muss während des laufenden Betriebs erfolgen. Rettungssanitäter, Rettungsassistent und Notfallsanitäter - es sind keinesfalls nur verschiedene Bezeichnungen für den gleichen Job. Ein Notfallsanitäter soll im Einsatz den Gesundheitszustand von Kranken und Verletzten einschätzen, lebensbedrohliche Aspekte erkennen und darüber entscheiden, ob ein Notarzt und weiteres Personal angefordert werden müssen.

Auch medizinische Maßnahmen der Erstversorgung bis zum Eintreffen des Notarztes sollen künftig Notfallsanitäter übernehmen. Einerseits wird es besonders in ländlichen Gebieten immer schwieriger, ausreichend Mediziner zu haben, die auch als Notärzte tätig werden können, andererseits ist die Zahl der Rettungseinsätze innerhalb der vergangenen Jahrzehnte um ein Drittel angestiegen. "In ländlichen Regionen betrug der Anstieg sogar bis zu 50 Prozent", heißt es auf dem Informationsportal "notfallsanitaeter.de". Daher löste der Bundestag mit einem entsprechenden Gesetz 2014 das 24 Jahre alte Rettungsassistenten-Gesetz ab, das nicht mehr dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik entsprochen hat.


"Nicht ausreichend qualifiziert"

"Die Notärzte sollen und werden nicht aus dem System gedrängt", stellt Volker-Drexler-Löffler fest. Auch aus Kostengründen, so vermutet der Rettungsdienstleiter eine Intention des Gesetzgebers, sollen Notarzteinsätze auf das Notwendigste beschränkt werden. Zu "load and go" (einladen und abtransportieren) habe sich schon die Notfallrettung in den angloamerikanischen Ländern sowie in einigen europäischen Staaten entwickelt. Hingegen argumentieren Marburger Bund und Bundesärztekammer, "mit insgesamt drei Jahren Ausbildung oder einer mehrwöchigen Ergänzungsausbildung für Rettungsassistenten sind Notfallsanitäter nicht ausreichend qualifiziert an, um ärztliche Maßnahmen sicher am Notfallpatienten durchführen zu können". Notfallsanitäter seien damit überfordert. Ausreichende Sicherheit und Routine "lässt sich letztlich nur im regelmäßigen Praxis- und Klinikalltag erlangen", sind sich die Mediziner sicher.

Das aktuelle Rettungsdienst-Gesetz bezeichnet Dr. Hans-Joachim Goller als "nicht zu Ende durchdachten Schnellschuss".

Der Arzt am Klinikum Coburg und Ärztliche Leiter Rettungsdienst verweist "auf die hohen Hürden für eine heilkundliche Betätigung". "Im Notarzteinsatz kann man sich auch keine zweite Meinung einholen. Eine hohe Qualifikation ist unabdingbar."

Goller argumentiert nicht pauschal gegen mehr Kompetenzen für die Notfallsanitäter, "aber es braucht klar definierte Vorgaben und Verantwortlichkeiten". Der jeweils Ärztliche Leiter Rettungsdienst müsse die Kompetenz jedes Notfallsanitäters prüfen und bescheinigen. "Um einen Patienten am Einsatzort künstlich zu beatmen, bedarf es Routine und Übung, und für fast jede Maßnahme auch einen Plan B."

Den Handlungsbedarf des Gesetzgebers, die mangelnde Zahl von Notärzten in ländlichen Gegenden erkennt der Ärztliche Leiter ohne Zweifel an. "Im Landkreis Kronach hat der Rettungszweckverband Probleme bei der Besetzung von vier Notarztstellen."