Wenn Dieter Hofmann drei Wünsche frei hätte, dann müsste er nicht lange überlegen: "Ich möchte wieder gesund sein, arbeiten und einfach mal spazieren gehen können." Doch all das liegt für ihn in fast unerreichbarer Ferne. Seit ihm das rechte Bein amputiert wurde, sitzt er im Rollstuhl und kann seine Wohnung nicht mehr verlassen. Eine Prothese hat er zwar - sie wurde auch schon angepasst -, er müsste aber lernen, damit zu laufen. Eine Rehabilitation verwehren ihm jedoch zum jetzigen Zeitpunkt sowohl seine Krankenkasse als auch die Rentenversicherung Nordbayern. Der Antrag auf eine Pflegestufe läuft, aber das dauert. Hätte Dieter Hofmann nicht seinen Bruder Michael, wüsste er nicht, was aus ihm werden sollte.

Michael Hofmann ist selbst krank und erwerbsunfähig. Weil beide Brüder aber in einem Haus wohnen, ist klar, dass sie sich gegenseitig unterstützen. Hin und wieder schaut eine Nachbarin vorbei.

Wie kam es dazu, dass Dieter Hofmann nicht mehr selbstbestimmt leben kann? Es war am 9. Mai dieses Jahres. "Er hatte kein Gefühl mehr in den Beinen und wir haben den Notarzt angerufen. Der ließ ihn sofort ins Sonneberger Krankenhaus bringen", erzählt Michael Hofmann. Dort sagten sie ihm, sein Bruder sei nicht zu retten, er werde wohl sterben müssen. "Sie haben ihn dann aber doch ins künstliche Koma versetzt." 14 Tage lag Dieter Hofmann im Koma, dann amputierten sie sein rechtes Bein. Im linken legten sie zwei Bypässe. Nach zwei Wochen in Sonneberg holte Michael Hofmann seinen Bruder nach Coburg ins Klinikum.

"Dabei hat mir Egon Griebel geholfen." Der Coburger lebt selbst seit Jahren mit zwei amputierten Unterschenkeln, engagiert sich für andere Betroffene und hat eine Selbsthilfegruppe für Arm- und Beinamputierte gegründet.

Seit Donnerstag voriger Woche ist Dieter Hofmann zu Hause. Zur ersten Wundversorgung und Fotodokumentation kam Silvia Hamberger vom Netzwerk außerklinische Intensiv- und Palliativtherapie ins Haus. Sie erarbeitete einen Therapievorschlag für den Hausarzt. Die weitere Betreuung übernimmt nun der ASB. Was Dieter Hofmann aber am nötigsten braucht, formuliert sie so: "Muskelaufbau und Ernährung, denn er hat 15 Kilogramm abgenommen." Danach müsse er lernen, mit der Prothese zu gehen. Dazu benötige er aber dringend eine Reha.
Für Michael Hofmann ist noch etwas anderes maßgeblich: Sein Bruder sei nicht nur körperlich beeinträchtigt, sondern auch psychisch angegriffen. Ein Signal, dass ihm geholfen werden kann und er nicht immer nur gegen Wände laufen muss, sei überaus wichtig. "40 Jahre hat er gearbeitet und in die Krankenkasse und Rentenkasse eingezahlt. Jetzt wird er einfach so abgespeist", schimpft Michael Hofmann.

Bewegungsfreiheit eingeschränkt


Momentan ist sein Bruder in der Wohnung gefangen. Die liegt im ersten Stock und ist nur über eine schmale Treppe zu erreichen. Mit dem Rollstuhl ist da nichts zu machen. Selbst mit einer Prothese dürfte es schwierig werden, sich hinauf- und hinabzubewegen. Die Kostenübernahme für einen Treppensteiger hat die AOK abgelehnt.

In einem Schreiben vom 12. Juli wurde den Hofmanns mitgeteilt, dass die Krankenkassen für solche Hilfsmittel nicht "eintrittspflichtig" sind, wenn ein behinderter Versicherter diese allein wegen seiner individuellen Wohnsituation benötigt. Der Antrag wurde aber an die Regierung von Oberfranken weitergeleitet.

Weil Dieter Hofmann neben dem Rollstuhl auch noch ein Pflegebett braucht, stellten er und sein Bruder einen weiteren Antrag. Antwort der Krankenversicherung: "Wir sind bemüht, Ihre Angelegenheit schnell zu erledigen. Das Ergebnis der Pflegebegutachtung durch den Medizinischen Dienst muss abgewartet werden." Inzwischen haben die Hoffmanns Rollstuhl und Pflegebett bei einem Coburger Sanitätshaus ausgeliehen. Zwei Prozent der Kosten müssen zugezahlt werden. "Wie sollen wir das auf die Dauer schaffen? Mein Bruder bekommt nur noch 70 Prozent seiner Nettogehalts ", sagt Michael Hofmann.

Rehabilitation zurzeit nicht drin


Warum die AOK den vom Sozialdienst im Klinikum gestellten Antrag auf Rehabilitation abgelehnt hat, erläutert Eveline Welther so: "Es wurde eine geriatrische Rehabilitation beantragt. Weil Herr Hofmann vor der Amputation aber noch gearbeitet hat, kommt das für ihn nicht in Frage." Daraufhin stellte der Sozialdienst einen zweiten Antrag - mit dem gleichen Ergebnis. Für Dieter Hofmann komme nur eine Anschluss-Heilbehandlung in Frage, danach eine Wiedereingliederung in das Berufsleben. Dafür aber sei die Rentenversicherung Nordbayern zuständig, nicht die Krankenkasse, erläutert die AOK-Mitarbeiterin.

Claudia Weidig von der Pressestelle der Rentenversicherung kennt den Fall. "Unser ärztlicher Dienst hat festgestellt, dass Herr Hofmann noch nicht rehafähig ist." Grund dafür sei die schlechte Wundheilung und die unzureichende Durchblutung des noch vorhandenen Beins. "Eine Reha ist kein Urlaub. Die Patienten werden dort sehr gefordert und müssen belastbar sein." Das sei Dieter Hofmann aber derzeit noch nicht. Sobald er sich stark genug fühle und die Wunden verheilt seien, könne er in Absprache mit seinem Hausarzt einen Eilantrag auf Rehabilitation stellen. "Wir entscheiden dann ziemlich schnell", verspricht Claudia Weidig. "Er soll kämpfen, damit wir ihn so rasch wie möglich in einer Reha unterbringen können", ergänzt sie.

Dass diese Begründung der Rentenversicherung bei den Brüdern Hofmann offenbar nicht in dieser Klarheit angekommen ist, bedauert sie. "Wir arbeiten derzeit an einer bürgernahen Sprache für unsere Bescheide."
Dieter Hofmann indessen bleibt nichts anderes als Geduld. Auf dem Verschiebebahnhof der Zuständigkeiten ist er zurzeit noch der Verlierer - ein Mensch mit Gefühlen und Anspruch auf ein Leben in Würde. Vielleicht hätte ihm an der einen oder anderen Stelle auch einmal unbürokratisch und schnell geholfen werden können.