Dracula schreitet schicksalsbeladen und bedeutungsschwanger. Der Grusel hält sich sehr in Grenzen, erst Recht die Erotik: "Dracula" vertanzt am Landestheater Coburg. Liebe, Tod und Leidenschaft, das bleiben große Worte.
Dabei ist der Rahmen für Mark McClains neues Tanzstück wunderbar: Generalmusikdirektor Roland Kluttig lässt das bei Bläsern wie Streichern geforderte, aber bestens aufgelegte Philharmonische Orchester des Landestheaters mit Musik von Kurt Weill, Igor Strawinsky, Josef und Johann Strauß in traumhafte Welten aufsteigen.

Der erstmals am Landestheater praktizierende Ausstatter Andreas Becker - der übrigens maßgeblich für die Augsburger Puppenkiste gewirkt hat als Puppenspieler, Puppenschnitzer und Bühnenbildner - führt auch mit wirkungsvoll eingesetzten Projektionen in die beton-düstere und gruftige Nachtseite der Menschen. Im Anblick seiner Kostüme für Vampirinnen und blutsaugende Gesellschaft könnte man schwelgen.

Doch viel vergebens, ein Großteil dieser theatralen Mittel ist vertan. Denn der Choreograf müht sich knapp zwei Stunden lang uninspiriert, in Bram Stockers vielseitiges und hintergründiges Romangeschehen einzudringen, das seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1897 wie kaum ein anderes Sujet die Fantasie der Menschen bewegt und beunruhigt, in der Fassung mit heute tragisch-gutem Vampir erst recht wieder.


In gleichförmiger Tanzsprache


Auch McClains Dracula sollte ja nicht nur böses Monster sein. Doch der Coburger Ballettchef kommt gar nicht an die Figur heran. Den herausragenden Tänzer Po-Sheng Yeh sah man noch nie so befangen und gefesselt; einmal in einer kleinen Szene, wenn Dracula als Wolf in England an Land geht, darf er kurz aus sich heraus. Das trotz allem ausdauernd freundlich applaudierende Premierenpublikum spendete am Samstag mit sicherem Gespür nur tröstenden Beifall für Po-Sheng Yeh. Doch der kann nichts dafür.

Mark McClain versinkt in der Masse des Materials, ohne sich auf wesentliche Motive zu konzentrieren. Mühsam pantomimend konstruiert er einen Handlungsstrang, dem doch vieles fehlt, sogar zum Verständnis. Stattdessen hält er sich lange walzernd auf in hochzeitender englischer Gesellschaft, in der das Orchester Josef Strauß "Delirienwalzer" weit harmonischer spielt, als das zerfasernde Ensemble tanzt.

Sicher, Miki Nakamura als gleich ausgesaugte Lucy, Niko Ilias König als junger Anwalt Jonathan Harker oder Mariusz Czochrowski als van Helsing erhalten ihre technisch präzise getanzten Auftritte. Takashi Yamamoto darf den irren Renfield geben, wenn man auch nicht versteht, wozu. Ach, und die zarte Eriko Ampuko sollte doch als Mina das Hauptobjekt der Begierde sein.


Gleichförmige Bewegungen


Doch, und das ist das Hauptmanko dieses Balletts: Die Bewegungssprache McClains bleibt für alle Figuren bis zum Schluss ausgesprochen gleichförmig meist in reckendem und streckendem klassischem Vokabular stecken. Die drei Vampierjäger Harker, van Helsing und Seward (Norbert Lukaszewski) finden sich gar wiederholt in peinlichem Ringelrein oder springen manisch im Kreis. Und wie so schöne Vampirinnen (Chih-Lin Chan und Emily Downs) erotisch so neutralisiert werden können, ist kaum zu fassen, und das in einem Fantasy-Thriller, der doch aus Begierde und Erotik, ja sexueller Obses sion züngeln und verschlingen sollte.

Bleibt zum Trost die Musik. Kurt Weills 2. Sinfonie, vom Orchester sehr klar und die Melodien schön pointierend entfaltet, lässt weit erzählend Bilderwelten emporsteigen. Sehnsucht kulminiert verzaubernd in Johann Strauß‘ kaum bekanntem "Traumbild".

Und Igor Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen entfesselt die Jagd, die Grausamkeit, den Irrsinn, der bei der Premiere auf der Coburger Bühne nicht zu spüren war.


Termine und Karten


Produktion "Dracula - Liebe, Tod und Leidenschaft", Ballett von Mark McClain nach dem Roman von Bram Stoker, Musik von Kurt Weil, Johann und Josef Strauß, Igor Strawinsky

Weitere Termine 5., 13., 17. 20. April, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg, Großes Haus.

Kartentelefon 09561 / 89 89 89.