Herr Mozart wacht auf bei Eva Baronsky, die vor einiger Zeit auch in Coburg las, und wird am Ende Jazzmusiker. Würde Beethoven heute erwachen, würde er - Jazz komponieren und spielen. Wer das sonntägliche Konzert bei Leise am Markt erlebte, wird davon absolut überzeugt sein.
Denn was der international renommierte Bassist Dieter Ilg, der emotional und technisch ungemein weit reichende Pianist Rainer Böhm und der freie Klangzauberer am Schlagzeug, Patrice Héral da recht demütig als "Mein Beethoven" verschenkten, versetzte in eine Dimension, die von nun an beim Hören von Beethoven immer aufscheinen wird.
Da war der mächtige Beethoven, doch Ilg, Böhm und Héral umspielten ihn wie freiere Kinder in einer freieren Zeit. Aus einer vielschichtig flirrenden und webenden Atmosphäre klingt "Freude schöner Gottfunken" herüber; Jahrhunderte werden bewusst und der Blick richtet sich fragend in die Zukunft. Der Pianist löst sich immer wieder spielerisch von den Beethovenschen Pfeilern, ohne den Kontakt zu ihnen zu verlieren, tritt zurück, um den souveränen Bassisten in den Vordergrund treten zu lassen. Ilg kommt aus dem Klassischen und verbindet mittlerweile in seiner unverwechselbar eigenen, international bestaunten Weise das Frühere mit dem Neuen.


Nach der Welttournee

Dieter Ilg war Anfang des Jahres zusammen mit Wolfgang Dauner bereits einmal in Coburg, in der Jazznacht und wurde jetzt auf hartnäckiges Locken von Antoinetta Bafas hin, der künstlerischen Leiterin von Leise am Markt, wieder hierher gelotst, zum Abschluss seiner Welttournee, aus Tokio und Seoul zurückkehrend.
Im verblüffenden Auszug aus Beethovens Sturm-Sonate wirft Dieter Ilg starke Klangtaue aus, die das rhythmische Gerüst halten. Und wir hören das Tosen des Sturms. Während der Schlagzeuger so zurückhaltend wie einfallsreich prägend hier und da und überall ist, auch mal furios loslegen, über Beethoven hinaus fegen darf, dann aber mit den beiden anderen stets zurückkehrt - in eine geradezu wohlige Ruhe. In dem kleinen "Exzerpt" aus der Großen Fuge wird so aus donnerndem Klavier und machtvollem Bass doch wieder etwas ganz Charmantes.
Überhaupt: Aus dem Adagio der Pathetique wird in dieser versonnenen, sanft verträumten Art - lassen Sie es uns ganz sinnlich nehmen - ein Beethoven zum Reinlegen. Ob aus den Klaviersonaten oder Beethovens Bearbeitungen irischer Volkslieder, das Ilg-Trio legt respektvoll aber auch selbst-bewusst die Essenz frei, die umso intensiver wirkt. Kunstvolle Verrenkungen haben die drei nicht nötig, sie degradieren Beethovens Melodiefindungen niemals zur Floskel.
Dieses Konzert am Sonntag bei Leise am Markt strömte dahin wie im Flug, im Segelflug eines klaren Tages. Am Ende leuchtete dann auch noch - Beethovens Mondschein.

Dieter Ilg geboren 1961 in Offenburg, studierte klassischen Kontrabass und Jazz. Er spielte in einer ganzen Reihe namhafter Ensemble, so zwischen 1991 und 2004 im Quintett von Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner. Zwischen 1994 und 1997 gehörte Ilg zum Trio von Nguyên Lê. Mit Charlie Mariano formte Ilg von 2001 bis zu Marianos Tod 2009 ein Duo. Ilg arbeitete international mit zahlreichen Größen des Jazz zusammen, so Christof Lauer, Dave Liebman, Bennie Wallace, Sadao Watanabe, Dave Friedman, Nils Landgren, Rebekka Bakken oder Till Brönner.
 2001 gründete Ilg sein eigenes Label Fullfat ausschließlich mit eigenen Produktionen. Ein Beispiel dafür ist "Otello" in Anlehnung an Verdis Oper, bereits im Trio mit dem Pianisten Rainer Böhm und dem Schlagzeuger Patrice Héral. Dafür erhielt Ilg 2011 einen Echo Jazz. Seit 2011 erscheint Ilgs Musik beim Label ACT.
Von diesem Trio wurde seither auch "Parsifal" und im Januar 2015 "Mein Beethoven" veröffentlicht. Ilg erhielt 2014 auch für "Parsifal" einen EchoJazz. Ilg ist seit 1995 Lehrbeauftragter für Jazzkontrabass an der Musikhochschule Freiburg.

Ausblick Das Trio Tango Transit wird am 5. Dezember um 20 Uhr bei Leise am Markt seine Version einer Swinging Christmas bieten: Sie versetzen in "Engelrausch".