Die Gebiete südlich und nördlich des Rennsteigs gehörten mal zusammen und dann wieder nicht, "weil die verschiedenen Gebiete zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Landesherren gehörten", erläutert Pfister in einem Aufsatz für das Tageblatt. "Die meisten Menschen können sich gar nicht vorstellen, dass es die heutigen Bundesländer mit ihren Grenzen und Regionen früher einfach nicht gegeben hat."

Stattdessen gab es mehr als 500 Jahre lang das Gebiet der Henneberger. "Es lag südlich und südwestlich vom Thüringer Wald, erstreckte sich über die Rhön, das Grabfeld und die Hassberge bis zum Main. Schweinfurt gehörte dazu und Bad Kissingen, Bad Königshofen, Meiningen, Schleusingen, Bad Rodach, Neustadt (an der Heide), Sonneberg und Coburg. Die Henneberger waren ein fränkisches Adelsgeschlecht. Die Menschen in ihrem Territorium sprachen fränkisch. Im Norden und Nordosten davon gab es die Landgrafschaft Thüringen, zu der zunächst auch das heutige Hessen gehörte. Weit im Osten, um Meißen und im Erzgebirge erstarkte das Geschlecht der Wettiner, deren erste größere Herrschaft die Markgrafschaft Meißen war."


Heiratspolitik

Den Wettinern sei es "durch geschicktes Heiraten" sehr erfolgreich gelungen, ihr Gebiet zu vergrößern, schreibt Pfister. "Mitte des 13. Jahrhunderts wurden sie Landgrafen von Thüringen, wobei Hessen abgetrennt wurde. Und hundert Jahres später kamen sie in Besitz von Coburg und Umgebung (einschließlich Neustadt, Sonneberg, Neuhaus, Schalkau, Strauf und Rodach)." Das Coburger Gebiet habe zum Erbe der Katharina von Henneberg (Schleusingen) gehört, das sie in ihre Ehe mit dem Wettiner Friedrich dem Strengen einbrachte. Nach dem Tod ihres Mannes regierte sie zusammen mit ihren unmündigen Söhnen ihre ererbten Gebiete. "Am Ketschentor ist bis heute ihr Wappen zu sehen."

Die Wettiner bezeichneten ihre neuen Gebiete als "Ortlande in Franken". Coburg war damit aus dem hennebergischen Gebiet herausgelöst. Die restliche Grafschaft bestand noch mehr als 200 Jahre. Der Sohn Katharinas, Friedrich (der Streitbare), Markgraf von Meißen und Landgraf von Thüringen, "war der erste Wettiner, der das Herzogtum Sachsen (um Wittenberg) und die sächsische Kurwürde erlangte (1423)." Der Titel Kurfürst "war der wichtigste und stand von da an immer an erster Stelle."


Ernestiner und Albertiner

Die Wettiner hatten sich 1485 in zwei Linien gespalten. Die Ernestiner herrschten mehr im Westen (Eisenach, Gotha, Coburg, Weimar, aber auch Wittenberg) und die Albertiner mehr im Osten (Meißen, Dresden). Die Kurwürde lag zunächst bei den Ernestinern. Eingestreut gab es dazwischen noch weitere Herrschaften, wie Schwarzburg und Reuß. Die "Reformationskurfürsten" (Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen) waren auch Landesherren der fränkischen Ortlande mit der Veste Coburg als Hauptstützpunkt. Der jüngere Bruder Kurfürst Johann Friedrich errichtete dann in den 1540er Jahren die Ehrenburg.

Infolge des Schmalkaldischen Kriegs verloren die Ernestiner in den 1547 Kurwürde und Wittenberg an die Albertiner. Außerdem wurde ihnen untersagt, das Erstgeburtsrecht einzuführen, anders als die Albertiner. "Also mussten alle Ernestiner bei mehreren Söhnen ihre Gebiete immerzu unter allen aufteilen, außer die Brüder einigten sich auf eine gemeinsame Regierung. Das war Absicht, weil die Albertiner nicht wollten, dass die Vettern wieder stark wurden", fasst Pfister zusammen. Hier sei die Ursache für die zahlreichen und verwirrenden Erbteilungen mit den vielen Residenzen und Gebietsverschiebungen der folgenden Jahrhunderte zu suchen.


Coburg, Gotha, Weimar

Herzog Johann Friedrich II. (der Mittlere), dessen Epitaph sich in der Morizkirche befindet, wollte den Kurfürstentitel zurückbekommen, scheiterte ("Grumbachsche Händel", 1567) und starb in kaiserlicher Gefangenschaft. Weil Johann Friedrich II. und sein Bruder Johann Wilhelm 1565 ihr Gebiet geteilt hatten, gab es einige Jahrzehnte zwei Fürstentümer: Ein eher westliches mit Gotha und Coburg und ein eher östliches mit der Hauptresidenz Weimar. In dem westlichen wurden 1570/1572 Herzog Johann Casimir und sein jüngerer Bruder Johann Ernst eingesetzt, die Söhne Johann Friedrichs des Mittleren; in dem östlichen ihr Vetter Friedrich Wilhelm und sein Bruder. Bis 1598 regierten Johann Casimir und Johann Ernst das Gebiet Coburg-Gotha gemeinsam. Bis 1586 standen beide Brüder ebenso wie ihre Weimarer Cousins unter dem starken Einfluss Kurfürst Augusts von Sachsen aus der Albertinischen Linie.

Johann Friedrich II. hatte schon 1554 (gemeinsam mit seinen beiden Brüdern) mit den Grafen von Henneberg den "Kahlaer Vertrag" geschlossen. Darin wurde festgelegt, dass beim Aussterben der Grafen von Henneberg die Ernestiner das restliche Hennebergsche Gebiet erben würden. Dieser Fall trat 1583 ein. Erben waren Johann Casimir, sein Bruder Johann Ernst und die Weimarer Vettern. Auch der albertinische Kurfürst August von Sachsen, der von Dresden aus die jungen ernestinischen Herzöge kontrollierte, meldete Ansprüche an. "Möglicherweise ist darin einer der Gründe zu sehen, weshalb in den bis 1583 hennebergischen und heute südthüringischen Gebieten ein ausgeprägtes fränkisches Identitätsgefühl Bestand hat", mutmaßt Silvia Pfister. Da Johann Casimir keine Erben hatte, fiel nach ihm das Coburger Gebiet wieder mit den anderen ernestinischen Landesteilen zusammen.


Drang nach Franken

"Alles andere, der Aufbau des Gothaer Modellstaats unter Herzog Ernst dem Frommen, das Entstehen der ernestinischen Fürstentümer von Coburg-Saalfeld, Meiningen oder Hildburghausen oder die (Wieder-)Vereinigung von Coburg und Gotha 1826 sowie der Aufstieg von Sachsen-Coburg-Gotha zu einer Dynastie mit europaweiten Verbindungen gehört in eine spätere Zeit", schreibt Pfister. 1918 kam das Ende der vier verbliebenen ernestinischen Herzogtümer Coburg-Gotha, Meiningen, Weimar und Altenburg. "Die von fränkisch sprechenden Menschen besiedelten Gebiete wurden bei Schaffung des Freistaats Thüringen gefragt, ob sie beitreten wollten", schreibt Pfister. Coburg entschied sich bekanntlich dagegen; Stadt und Landkreis kamen 1920 zum bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken.

Doch erst die innerdeutsche Grenze nach 1945 zwischen Thüringen und Bayern sei so einschneidend gewesen, dass viel historisches Wissen um einstige Zusammenhänge verloren gegangen sei, meint Pfister.