Und seine Seele spannte / Weit ihre Flügel aus. / Flog durch die still gewordenen Lande, und flog jetzt wohl nach Haus. - In Engelsflügeln über dem nackten Oberkörper, im Rollstuhl sitzend, brachte Georg Hünseler noch einmal alles auf den Punkt, an dieser Stelle, 2012 in "Viel Lärm um nichts" im Landestheater Coburg, nicht mit Eichendorff, aber mit einem Shakespeare-Sonett.
Das Bild ging durch Mark und Bein und in unsere Seelen und hinterließ einen nicht mehr auslöschbaren Eindruck, von diesem lang-, langjährigen Landestheaterschauspieler, von diesem Menschen und vom Menschsein an sich. Wie jetzt bekannt wurde, ist Georg Hünseler letzten Mittwoch im Coburger Krankenhaus gestorben; am Freitag wäre er 87 Jahre alt geworden.
In den letzten Jahren war es vor allem die Poesie, auf deren weitem Feld er sich in Coburg noch bewegte, rezitierend und selber dichtend. Doch selbst im hohen Alter stand Georg Hünseler auch noch als Schauspieler auf der Bühne, in durchaus kräftezehrenden, machtvollen Rollen, so 2007 als der schwache Alte in Reginald Roses Gerichtsthriller "Die zwölf Geschworenen", der sich dann sehr mutig gegen die bedrohliche Aggression der anderen Geschworenen auflehnt. 2007 war es auch, als er in der Rolle des Meister Hora in Michael Endes "Momo" geradezu zur Ikone des weisen Alten wurde. Die Vielzahl seiner Darstellungen lässt sich kaum mehr überschauen, seit der aus Bochum Stammende 1974 nach Coburg gekommen war. Nennen wir noch den "Hauptmann von Köpenick".


Ein poetisch Weltreisender

Übers Schreiben von Gedichten schon als Kind kam Georg Hünseler zum Schreiben von Theaterstücken, mit 16 hatte er bereits sein drittes fertig. Nach der Folkwangschule hatte er sein erstes Engagement in Castrop-Rauxel, arbeitete für den Kölner Rundfunk und dichtete immer weiter. In Coburg verführte er, nachdem er 1993 seinen offiziellen Abschied von der Bühne genommen hatte, mit seinen lyrisch-autobiografischen Abenden zum Träumen. Und zum Weltreise, wenigstens in Gedanken. Denn in weiten Landen war er sogar noch mit über 80 unterwegs, stets poetisch reflektierend die Gesellschaft(en) widerspiegelnd und über eines Menschen Zeit hinaus weisend.
Jedes Jahr freute er sich nochmals geradezu diebisch, dass er über seine eigene Berechnung hinaus noch einen Frühling im Coburger Hofgarten erlebte. Heuer nun geht es nicht mehr.