Durch das Visier sieht man sowohl die reale Welt als auch virtuelle Information. Das lässt sich auch für Videospiele im echten Schnee nutzen.

Im Coburger Hofbrauhaus wird an einer neuen Realität gebastelt. Das Gebäude wird von der Hochschule genutzt, in einem Seminarraum lümmelt eine Studentengruppe an einem der beigefarbenen Tische und diskutiert über "augmented reality" - erweiterte Realität.

Eine virtuelle Realität ist eine rein künstliche Umgebung, vom Computer generiert. Die augmented reality ist anders. Sie basiert auf dem, was der Mensch sieht und hört, darauf, wie er die Welt wahrnimmt. Dazu sucht ein Computerprogramm passende Daten und ergänzt sie, etwa so, wie bei der Fernsehübertragung eines Fußballspiels Animationen in eine Spielszene eingeblendet werden: die Abseitslinie oder die Flugkurve des Balls.


Visier als Bildschirm



So ähnlich funktioniert auch der Snowboardhelm namens "s.view+", den die sechs Coburger Studenten im Hofbrauhaus als Semesterarbeit ausgetüftelt haben: Das durchsichtige Visier ist gleichzeitig ein Bildschirm. "Er zeigt zum Beispiel Uhrzeit und Geschwindigkeit an, wo Pisten verlaufen, wo ein Skilift oder eine Hütte ist. Und er warnt vor Lawinengefahr oder einem heranziehenden Unwetter", erklärt Tobias Schmidtlein. Der 24-Jährige sitzt mit Wollmütze und T-Shirt im Seminarraum; seinen Bachelor in Informatik hat er in Coburg schon gemacht und steckt jetzt im Masterstudiengang. Was für das Projekt entscheidender ist: Er fährt Snowboard. Genau wie Dominik Blechschmidt, der allerdings Produktdesign studiert.

"Es ist ein Pilotprojekt", sagt Elisabeth Obermeyer, ebenfalls angehende Designerin. "Zum ersten Mal arbeiten Produktdesigner und Informatiker zusammen." Zum Team gehören außerdem Andreas Keßler, Lisa Häußler und Benedikt Reiter. Er erklärt, dass sich viele Programmierer damit beschäftigen, den Alltag mit Computertechnik zu durchdringen. "Pervasive computing" nennen die Informatiker das - es wird immer wichtiger, seit mit Smartphones fast überall eine drahtlose Vernetzung möglich ist, und es für alle möglichen Alltagssituationen kleine Programme, sogenannte Apps, gibt.


Materialien der Zukunft



Solche Apps zu schreiben, gehört zur Projektarbeit der Informatikstudenten. Aber sie sind nicht in der Lage, ein passendes Produkt dazu zu entwickeln. Genau das wollte Informatikprofessor Thomas Wieland aber von seinen Master-Studenten; so kam die Kooperation mit den Produktdesignern am Lehrstuhl von Peter Raab zusammen. Seit Oktober tüftelt die Truppe nun am "s.view+". Obermeyer erzählt von den aufwändigen Materialrecherchen. Das Visier des Helms soll aus einem durchsichtigen Polycarbonat sein, die Anzeige übernimmt eine Schicht organischer Leuchtdioden. Solche OLED werden auch für biegsame Bildschirme verwendet. "Es ist noch ein Zukunftsthema. Aber da tut sich im Moment viel", sagt Obermeyer.

Real umsetzen können die Studenten den Helm nicht, Potenzial zur Serienproduktion trauen sie ihm aber zu. "Mit den Produktdesignern kann man die Umsetzung realistisch darstellen", sagt Schmidtlein. Obermeyer hat eine Hand am Laptop. "Ich zeig' das mal." Sie öffnet eine Präsentation: Spitz ragen eisfarbene Elemente vom Helm, er dreht sich, das verspiegelte Visier wird sichtbar. "Lifestyle und Mode sind bei der Zielgruppe wichtig, deshalb die aggressive Gestaltung - so wollen sich Snowboarder darstellen." Die Spitzen sind als Facetten auf flexiblem, aber stabilem Gel-Textil angebracht, so dass der Helm zusammengefaltet werden kann.


Warnung vor kreuzenden Pisten



Obermeyer startet eine Vide osimulation aus Sicht des Snowboarders: blauer Himmel, gegenüber schneebedeckte Berge, vor einem die Piste. Die Strecke wird steiler, das Tempo schneller, dabei steigt die Balkenanzeige links unten. Rechts steht die Uhrzeit, im Hintergrund deutet ein Pfeil auf Lift 7. Eine Rechtskurve - plötzlich erscheint ein Text im Blickfeld: "Slope crossing". Der Helm warnt, dass eine Piste kreuzt, quer zum Blickfeld rasen sofort zwei Skifahrer vorbei. Sie sind mit orangefarbenen Warn-Quadraten markiert. Welche Informationen angezeigt werden, entscheidet der Nutzer. Er stellt es auf seinem Smartphone mit den "s.view+"-Apps ein.

Außerdem kann über die Touchbedienung am Ohr ein Notruf gesendet werden. Schmidtlein demonstriert das mit seinem iPhone. Kurz darauf sind die GPS-Daten auf den "s.view+"-Server übermittelt. Auf dem Laptop erscheint die Meldung, dass Schmidtlein verunglückt ist, ein Satellitenbild zeigt, dass er vorm Coburger Hofbrauhaus liegt. "Sicherheit war uns sehr wichtig", sagt Obermeyer.


Virtuelle Spiele auf realer Piste



Es gibt auch eine App, die nur Spaß machen soll: ein Spiel. "Wie mit der Konsole, aber real", erklärt Schmidtlein. "Man fährt so, dass man Coins sammelt, die auf dem Bildschirm erscheinen, man macht Tricks, kriegt Punkte." Obermeyer ergänzt, dass das nur auf ausgewiesenen Pisten geht.

Die Studenten können sich jede Menge spielerische Erweiterungen vorstellen. "Wenn man Lift fährt, kann man so was wie Moorhuhn abschießen spielen", sagt Schmidtlein. Dabei sähe der Snowboarder die Comic-Viecher auf echten Bäumen hocken. Virtuelle und reale Welt mischen sich zur augmented reality.