Die nächste Sonderausstellung des Naturkunde-Museums Coburg trägt den Titel "Fabelhaft! Tiere, Natur und Schöpfung bei Martin Luther". Zur Eröffnung am Sonntag, 9. April (10.30 Uhr), wird ein Gast erwartet, der sich in seinem Leben so intensiv mit dem Reformator beschäftigt hat wie kaum ein anderer: Friedrich Schorlemmer, 1978 bis 1992 Pfarrer der Schlosskirche in Wittenberg. Mit dem Tageblatt sprach er vorab über das Luther-Jahr, den Luther-Kult und darüber, was wir von Luther lernen können.

Tageblatt: Ihr Vortrag, den Sie im Naturkunde-Museum halten werden, trägt den Titel "Sag, was wahr ist! Luthers Vermächtnis für die heutige Zeit". Was ist wahr?
Friedrich Schorlemmer: In allen Fragen, die sich nicht digital beantworten lassen, ist Wahrheit eher Zuversicht oder Überzeugung. Es gibt Dinge, die sich nicht messen und zählen lassen, dennoch müssen wir auch das tun: messen und zählen.
Wenn wir zusammenkommen, preisen wir die Wunder des Lebens und am Montag gucken wir wieder ins Mikroskop. Kann sein, dass Sie auch am Mikroskop das Leben preisen und es wunderbar finden. Die andere Frage: Warum sind wir eigentlich da? Wer wollen wir sein, wer sollen wir sein, wer können wir sein? Das sind die Fragen, die die Philosophen und die Theologen zu beantworten haben, wobei die Philosophen meistens wesentlich besser sind beim Fragenstellen. Wahrheitsklauberei gibt es eher bei den Religiösen.

Stichwort Wahrheitsklauberei: Ob Luther die 95 Thesen wirklich eigenhändig an die Schlosskirche geschlagen hat, ist umstritten.
Ich habe 1983 bei Ausgrabungsarbeiten an der Schlosskirche von Wittenberg, als wir diesen kleinen Bach wieder freigelegt haben, den Hammer gefunden. Also, Luther hat angeschlagen! Das sage ich in postfaktischen Zeiten als alternative Wahrheit (lacht). Dieses Symbol des Anschlagens... Man braucht doch nicht einen riesen Hammer und einen dicken Nagel, um etwas an eine Tür zu knallen. Gut, Reißzwecken hatten sie noch nicht. Aber was Luther da gemacht hat, war wirklich ein Hammer! Ob er gehämmert hat oder nicht, die Hammerschläge jedenfalls hörte man in ganz Europa. Sicher ist: Diese Thesen wurden an mehreren Kirchen aufgespießt. Früher guckten bei den Anschlagbrettern der Rathäuser Nägel heraus, wo man etwas draufstecken konnte. Das hat Luther wahrscheinlich getan.

Und wem gehört Ihr Hammer nun in Wirklichkeit?
Ich laufe auf meinen Reisen immer mit diesem Hammer herum. Das ist der Hammer meines Urgroßvaters, der war Schmied in Wedel in Holstein, und wenn Sie diesen Hammer sehen, glauben Sie es auch. Ich will damit nur unseren katholischen Mitchristen beweisen: Auch wir Protestanten haben Reliquien. Ich habe übrigens auch den Federkiel der Gans, mit der Luther auf der Wartburg die Bibel übersetzt hat, und ein Stückchen Leder von jenem Sattel, mit dem er aus dem Schutz des Kurfürsten zurückgekehrt war.

Wo wären wir heute ohne einen Martin Luther?
Ich mache mal eine Vision auf: Wir wären mit Thomas Morus, nicht mit dem Hingerichteten, sondern mit dem, der "Utopia" geschrieben hat, mit Erasmus von Rotterdam und mit Franziskus, dem heiligen Franz, in einem Koffer. Das Friedfertige und das Schöpfungspreisende des Franziskus. Das Arbeiten daran, dass es allen Menschen gutgehe, bei Thomas Morus. Und die Feststellung von Erasmus: Es zählt der Mensch, nicht seine Herkunft, Abkunft, Religion - es zählt der Mensch, und, ob der Mensch, wie er Mensch ist, auch Mensch ist.

Das heißt, wir wären genau da, wo wir heute sind?
Ja, wenn wir das alles ohne Martin Luther in den Koffer genommen hätten. Oder wir hätten noch immer eine Kirche, die behauptet, sie sei die alleinige Kirche und außerhalb dieser Kirche gebe es kein Heil; eine römische Kirche, die uns nicht als Kirche akzeptiert, sondern als Glaubensgemeinschaft. All das ist bei Franziskus nicht mehr so relevant wie bei seinem Vorgänger. Ich sage als Protestant aus Wittenberg: Ich erkenne die katholische Kirche in vollem Sinne als Kirche an - auf Augenhöhe. Wenn die Weltkirche einen Repräsentanten in Rom braucht, soll es ruhig ein Überbischof sein. Und diesen Franziskus, den könnte ich mir auch als meinen Bischof in Rom vorstellen.

Das klingt fast begeistert...
Mit Franziskus können sogar Nicht-Christen leben. Das ist ein Mensch, der die schlichte und fröhliche Wahrheit des Glaubens verbindet mit symbolischen Aktionen, die mehr als Symbole sind; er geht zum Beispiel in ein Gefängnis und wäscht jungen Gefangenen die Füße. Das sind keine vorgewaschenen Priesteranwärter-Füße, sondern reale Füße in einem Gefängnis. Oder, wenn der Papst von Rom der evangelischen Kirche in Rom einen Kelch schenkt, da kann sich jeder etwas dabei denken, zum Beispiel, dass wir bald die Kommunion in beiderlei Gestalt haben können und dass wir uns gegenseitig an den Tisch des Herrn einladen.

Luther hat versucht, seinen Mitmenschen beizubringen, wie man miteinander ein friedfertiges Leben führen kann. Wie geht das, wenn das Gegenüber doch immer häufiger gar kein Interesse am friedfertigen Miteinander hat?
Die Religion hat - wie alle Dinge - zwei Seiten. Wegen der Religion haben Menschen Kriege geführt und ihre Grausamkeit anderen gegenüber noch religiös legitimiert. Diese Zeit muss vorbei sein. Religion konnte immer missbraucht werden. Aber ich sehe, dass die Kirchen sich insgesamt doch eher als die Kirchen des Friedensmachers Jesus verstehen. Auf der anderen Seite wurde Jahrhunderte lang gebetet für siegreiche Heere und für die Prinzen und Prinzessinnen, aber mit keinem Wort wurde an den Schuster, den Schmied, den Bäcker gedacht - nur an die hohen Herrschaften. Ich habe das gerade in meinem Luther-Buch aufgegriffen, damit jeder sieht, an wen der liebe Gott alles hätte denken sollen, wenn er die Zeit dafür hätte.

Wie finden Sie eigentlich die Blüten, die das Luther-Jahr treibt, etwa die Spielzeugfiguren von Playmobil? Ist das nicht ein bisschen anmaßend?
Den Playmobil-Luther finde ich einfach putzig. Aber ich würde ihn mir nicht hinstellen. Was ich nicht putzig fand, sondern außerordentlich peinlich, sind die 800 Luther-Plastiken, die hier in Wittenberg aufgestellt waren und in alle Welt geschickt wurden - mit einem Gesicht von Luther, das nicht Freude und Lebensvölle ausdrückte, sondern das von Leblosigkeit bestimmt ist. Wenn man Luther würdigen will, dann nicht mit kleinen oder großen Standbildern, sondern dadurch, dass man sich mit seinen Schriften bis 1525 beschäftigt oder zum Beispiel den Großen Katechismus liest.

Sie waren lange Pfarrer in der Lutherstadt Wittenberg. Beeinflusst dieser Namenszusatz eigentlich die Menschen, die dort leben?
Ja, und da Luther laut einer Umfrage die zweitwichtigste Person Deutschlands ist, haben selbst die Leute einen gewissen Stolz darauf, in einer Luther-Stadt zu leben, die sonst gar nichts davon halten und sich inhaltlich kaum damit beschäftigen. Wir beschäftigen uns nun mit dem, was Luther uns hinterlassen hat, allem voran seine geniale Bibelübersetzung. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen dazu zu ermuntern, auch mal etwas von ihm zu lesen. Nie wurde so viel Gutes, Differenzierendes, Klärendes gedruckt wie im Jahr 2017.

Werden Sie sich die Landesausstellung in Coburg ansehen?
Eine Landesausstellung? Warum weiß ich denn davon nichts? Da muss ich unbedingt hin!

Das Gespräch führte Ulrike Nauer