Die öffentliche Sitzung ist beendet. Ein strahlender Michael Stoschek im Zuschauerraum erhebt sich und nimmt erste Glückwünsche entgegen. Ein Pulk von Journalisten sammelt sich um ihn. Mikrofone, Kameras auf Tuchfühlung. "Wie fühlen Sie sich?", "Hat die Stadt Ihrer Meinung nach Schaden genommen?" Der Enkel von Max Brose wirkt sehr entspannt, und es sprudelt nur so aus ihm heraus: "Ich freue mich sehr, dass der Vorschlag und die Initiative von Oberbürgermeister Norbert Tessmer, die von-Schultes-Straße in die Max-Brose-Straße umzubenennen, überzeugen konnte. So wie es sich die Mehrheit der Bevölkerung gewünscht hat, wurde mein Großvater jetzt auch geehrt. Ich habe großen Respekt vor den Stadtratsmitgliedern, die in den vergangenen Wochen einem enormen Druck ausgesetzt waren und sich trotzdem ihre Unabhängigkeit bewahrt haben. Gute Demokraten werden das Ergebnis jetzt hoffentlich auch respektieren." Noch einmal betont Stoschek das "einwandfreie Verhalten" seines Großvaters, der auch öffentlich die Nazis kritisiert habe.

Stoschek: Mit den Angriffen und Vorwürfen gegen seinen Großvater nicht gerechnet


Der Unternehmer hofft, dass die Debatte nun zu Ende ist. Ihm ist klar, dass die Diskussion auch die Stadt beschädigt hat - aus seiner Sicht in erster Linie durch eine überregional einseitige Darstellung der Zusammenhänge. Aber der Sturm werde sich auch wieder legen. Er selbst habe mit den Angriffen und Vorwürfen gegen seinen Großvater nicht gerechnet und war darauf auch nicht vorbereitet. Am Nachmittag teilt die Brose-Pressestelle mit, dass "Gesellschafter, Geschäftsführung und Mitarbeiter" die Stadtratsentscheidung begrüßen. Max-Brose-Straßen gibt es in den Standorten Hallstadt und Weil im Schönbuch.

Stoschek kann sich als Gewinner fühlen. Zu den Unterlegenen in diesem Sinne gehört die SPD-Stadträtin Gabriele Morper-Marr. Sie hatte unmittelbar noch vor der Abstimmung versucht, eine öffentliche Diskussion über die Straßenumbenennung herbeizuführen. Das wurde abgelehnt - so wie schon zu Beginn der Sitzung. Als Morper-Marr auch namentlich Abstimmung beantragte, gingen alle Hände nach oben. Dabei hätte sie - genau wie ihre Kollegin Petra Schneider - gerne ihre Motive erläutert, weshalb sie nicht für eine Max-Brose-Straße stimmen könne. Sie hätte außerdem gerne gesagt, dass sie mit ihrer Gegenstimme weder etwas gegen das Unternehmen Brose habe, noch gegen Max Brose oder etwa die Mitarbeiter dort. Lediglich ehren könne sie Max Brose nicht. Auf ihre ganz persönlichen Motive angesprochen, bricht die Stadträtin plötzlich in Tränen aus. "Wenn ich mit meinem Enkelsohn durch die Stadt gehe, fragt er mich bei jedem goldenen Stolperstein, was das ist. Soll ich da etwa sagen: Das ist nicht so wichtig!?"

Geschichte aufarbeiten

Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) hat die Straßenumbenennung vorangetrieben - gegen die Mehrheit der SPD-Fraktion. Ein Motiv war, das Verhältnis zur Firma Brose wieder zu normalisieren. Das hatte 2004 heftig gelitten, nachdem damals der Beschluss "Max-Brose-Straße" nicht zustandekam. "Max Brose war eine bedeutende Unternehmerpersönlichkeit der Stadt, mit hoher sozialer Verantwortung", sagt Tessmer hinterher den versammelten Journalisten. Keiner habe sich die Entscheidung leicht gemacht. Aber sie sei demokratisch gefallen und nun von allen Seiten zu respektieren. Er hoffe, dass nun "eine Rückkehr zum normalen politischen Alltag in Coburg möglich ist", sagt er. Eine auf Konfrontation aufgebaute Debatte bringe den Stadtrat angesichts der anstehenden Aufgaben nicht weiter.

Der Stadtrat hat gestern einstimmig beschlossen, dass die Stadtgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgearbeitet werden soll. Außerdem soll das Projekt "Stolpersteine" fortgeführt werden. Damit wird an die Opfer des Nationalsozialismus in Coburg erinnert.