Morgen ist es wieder so weit. Dann werden aus dem Mastbetrieb von Thomas Ritz zum vierten Mal Hühner abgeholt und in den Schlachtbetrieb ins niederbayerische Bogen transportiert. "Neun Jahre nach dem ersten Bauantrag", ergänzt Thomas Ritz recht emotionslos. Eine schier unendliche Geschichte ist zu Ende gegangen. Oder doch nicht?
Auf die Frage, ob sich der ganze (juristische) Aufwand zum Bau der Anlage gelohnt hat, überlegt der Landwirt ein paar Sekunden. Am Ende fällt das Urteil zwiespältig aus. Auf der einen Seite steht die lange Planungs- und Bauzeit, die fraglos die Kosten in die Höhe getrieben hat. Aber das Gesamtergebnis stimmt Ritz andererseits durchaus zufrieden: "Im Ergebnis ist es so, wie es wir uns vorgestellt haben. Auch die Mast ist wie gewünscht verlaufen."
Aber es gab auch Ärger mit den Nachbarn. Das räumt Thomas Ritz auf Nachfrage unumwunden ein: "Bei der ersten Abholung hat es eine zeitliche Überschreitung geben." Von einer Viertelstunde spricht der Landwirt, der aber auch noch einmal klarstellt, in welchem Zeitraum Tiere bei ihm angeliefert oder abgeholt werden dürfen: laut Baugenehmigung von 6 bis 22 Uhr. Dass dabei auch Krach entsteht, verleugnet Ritz nicht: "Die Container klappern, es fahren Gabelstapler und Lastwagen." Am Dienstag werden es allerdings nicht so viele wie sonst sein, weil ein erheblicher Teil der Masthühner schon vor ein paar Tagen abgeholt wurde. Knapp 24 000 Tiere werden morgen ausgestallt, Ritz rechnet mit sechs Stunden Arbeitszeit.
Den Eindruck von außen, dass sich die Lage in Wohlbach ein bisschen entspannt hat, lässt Thomas Ritz schulterzuckend im Raum stehen. Am 30. April, erzählt er, hat er einen Schritt auf die Gegner seines Projektes zugemacht und zu einer Führung durch den planmäßig leerstehenden Maststall (7 Meter hoch, 1700 Quadratmeter Nutzfläche) eingeladen. 70 Wohlbacher kamen, was Thomas Ritz zweifellos gefiel, aber auch einen leicht bitteren Nachgeschmack hinterließ: "Die, auf die ich gehofft habe, waren leider nicht alle da." Dass das Veterinäramt offensichtlich auf einen Hinweis von außen kam und die Lagerungstemperatur der bei der Mast verstorbenen Hühner überprüfte, bucht Ritz als "übliches Spiel" ab: "Das Veterinäramt ist ohnehin berechtigt, den Bestand zu begutachten und die Aufzeichnungen einzusehen."



Direktvermarktung als Option

Dass vom deutschen Lebensmittelhandel und der Fleischwirtschaft die "Initiative Tierwohl" ins Leben gerufen wurde, findet der Wohlbacher Landwirt ausdrücklich gut. Bei den ersten beiden Mastzyklen schaffte es Ritz, durchgehend ohne den Einsatz von Antibiotika auszukommen. Da gab es ein "sehr gut" für die Tiergesundheit. "Antibiotikafrei bleibt auch auf lange Sicht unser Ziel", versichert Ritz. Allerdings gibt es bei der "Initiative Tierwohl" aktuell ein Problem: Das finanzielle Budget gibt es noch nicht her, dass sich alle interessieren Landwirte an dem Bündnis beteiligen können. Sollte die Finanzierung komplett stehen, könnte dies für einen Betrieb wie der Wohlbacher Hühnermast bedeuten: Es würden statt maximal 40 000 nur noch 30 000 Tiere gehalten, die finanzielle Einbuße für den Betrieb übernähme zum Großteil die Initiative. "Es wird irgendwann in diese Richtung gehen", glaubt Thomas Ritz.
Über eine Freigabe "Donautaler Geflügel", seinem Partnerunternehmen bei der Masthähnchenaufzucht, hätte Thomas Ritz sogar die Möglichkeit, einen Teil der Tiere über Direktvermarktung in der Region zu verkaufen. Angesichts der schwierigen Begleitumstände beim Bau seines neuen Stalles fühlt sich Ritz noch nicht so weit, konkret über so etwas nachzudenken. "Aber langfristig", sagt er dann doch, "könnte sich so etwas als Option darstellen".
Na - das klingt ja alles schön und gut. Doch auf die abschließende Frage, ob er sich ein Projekt in dieser Größenordnung noch einmal antun würde, überlegt Thomas Ritz ein ganzes Stück. Wenigstens grinst er so lange, bis er sagt: "Gute Frage!" Einem Landwirt mit vergleichbaren Rahmenbedingungen würde Thomas Ritz diesen Schritt nicht empfehlen - "die Investitionskosten sind schon arg hoch". Fairerweise müsse man aber dazu sagen, dass in der heutigen Landwirtschaft jeder Mastbetrieb eine sehr kapitalintensive Angelegenheit sei. Da bleibe am Ende die Gewinnmarge immer recht klein.
Aber er, Thomas Ritz, würde trotz all der Ärgernisse den Stall wieder bauen - "und zwar zehn Jahre früher".


Das sagen die Behörden zum Hühnermastbetrieb

Dieter Pillmann (Landratsamt Coburg) schreibt: Von Seiten der Nachbarschaft kam es seit Beginn des Mast-Betriebes zu mehreren Beschwerden. Die Mitarbeiter der verschiedenen beteiligten Fachbereiche im Landratsamt sind im Rahmen der Überwachung regelmäßig vor Ort, um die Nebenbestimmungen zu überwachen. Selbstverständlich wird auch allen eingegangenen Beschwerden der Nachbarn nachgegangen. Sofern Defizite festgestellt werden, wird Herr Ritz unmittelbar zur Beseitigung angehalten. Von einer zwangsweisen Durchsetzung wurde bislang abgesehen, da im Moment noch von Anlaufschwierigkeiten auszugehen ist.

An der Verwirklichung des Stalles beteiligt war auch das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Coburg (AELF). Amtsleiter Hans Vetter rückt dabei die Dimensionen gerade, in denen sich der Hühnermaststall innerhalb der landwirtschaftlichen Produktion bewegt: "Ein Stall dieser Größenordnung ist normal eine Lösung für den Nebenerwerb." Als Vergleich könne man die Zahl der Großvieheinheiten hernehmen: Dort bewege sich ein Stall mit maximal 39 999 Hühnern zwischen 40 und 50 Großvieheinheiten. "Das entspricht einem Stall mit 25 bis 30 Kühen und ein paar Tieren zur Nachzucht." In Norddeutschland gibt es nach Angaben Vetters Mastbetriebe mit teilweise sogar schon über 400 000 Tieren. Im Bereich des Coburger AELF (das die Landkreise Coburg und Lichtenfels betreut) gibt es nach Angaben des Amtsleiters keinen weiteren Landwirt, der derzeit den Bau eines Hühnermast-Stalles in der Größenordnung von dem der Familie Ritz plant.

Aus Sicht der Gemeinde Ahorn hat Bürgermeister Martin Finzel (parteilos) auf Anfrage schriftlich mitgeteilt: Die Gemeinde Ahorn hat das Landratsamt Coburg als zuständige Fachbehörde gebeten, die Umsetzung der Auflagen aus dem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs und der Baugenehmigung zu überprüfen. Grundsätzlich ist es ein Kernanliegen der Gemeinde Ahorn, ihre Bürger zu schützen. Die Einhaltung der nicht unerheblichen Auflagen (insbesondere der Nachtabholung) ist dabei ebenso zentral, wie die Einhaltung der verkehrsrechtlichen Anordnungen am "Bayrischen Berg" in Wohlbach. Der Betreib kann aus Sicht der Gemeinde noch nicht als reibungslos angesehen werden. Darüber hinaus können wir uns nicht zu einem laufenden Verfahren des Landratsamtes Coburg äußern.