Vielleicht sollten Orchester und Publikum solche Abende einfach nur staunend genießen. Denn an manchen Abenden gelingen selbst die schwierigsten Dinge scheinbar selbstverständlich.

Das Philharmonische Orchester des Landestheaters jedenfalls springt an diesem ganz besonderen Abend ohne Anlauf mitten hinein in eine eigentlich fremde musikalische Welt - die Welt der Tango-Klänge. Mit scharf angerissenen Tönen findet das Orchester bei Astor Piazzollas "Otono Porteno" sofort den unverwechselbaren Tango-Tonfall, jenen Tonfall zwischen unstillbarer Sehnsucht und Entsagung, zwischen Melancholie und streng gebändigter Leidenschaft.

Wie aber kann eine solche Verwandlung gelingen, der Wechsel von Brahms im 1. Sinfoniekonzert und Beethoven ("Fidelio") auf der Opernbühne zum Tango? Das Rätsel ist scheinbar einfach zu lösen.


Auf Astor Piazzollas Spuren

Denn an diesem Abend im fast ausverkauften Großen Haus am Schlossplatz beim Sonderkonzert "Philharmonic goes Tango" geben zwei Tango-Experten aus Argentinien den Ton an: Juan Esteban Cuacci als musikalischer Leiter am Flügel und Marcelo Mercadante am Bandoneon. Cuacci und Mercadante sind nicht nur die Solisten, sondern haben auch als Komponisten und Arrangeure das gesamte Programm eigens für diesen Abend vorbereitet.


Bestens vorbereitet

In extrem kurzer Probenzeit haben Cuacci und Mercadante das komplett ohne Holzbläser agierende Philharmonische Orchester bestens vorbereitet, ja eingeschworen auf den Tango-Tonfall. Dass der von Astor Piazzolla geschaffene Tango nuevo nicht mit Piazzolla gestorben ist, beweisen Cuacci und Mercadante als Komponisten, die sich unverkennbar stilistisch auf Piazzollas Spuren bewegen und doch auch ganz eigene Akzente einbringen.

Im Spannungsfeld zwischen schroffen rhythmischen Akzenten und weit ausschwingenden, melancholisch gefärbten Melodien in den Oberstimmen über pochenden, drängenden Bässen sind Cuacci und Mercadante sehr erfindungsreich darin, übernommenen Muster immer wieder neu mit musikalischem Leben zu füllen.


Anspruchsvolle Soli souverän gestaltet

Verblüffend aber, wie reaktionsschnell das Philharmonische Orchester den gestalterischen Impulsen Juan Esteban Cuaccis folgt, wie selbst heikle Übergänge und Veränderungen des Tempos nahtlos gelingen. Vollends verblüffend, wie souverän gleich mehrere Instrumentalisten aus den Reihen des Philharmonischen Orchesters anspruchsvolle Soli gestalten.

Das gilt für Konzertmeisterin Megumi Ikeda ebenso wie die Solobratscherin Zhuo Lu und Tobias Ziegler an der Trompete. Ganz besonders aber gilt das für Coburgs Solo-Kontrabassisten Dietmar Engels, der seine langjährigen Tango-Erfahrungen einbringt in Astor Piazzollas "Kicho".


Stehende Ovationen

Astor Piazzollas "Adios Nonino" in einem ebenso freien wie einfühlsamen Arrangement Cuaccis bildet den mitreißend spannungsvoll musizierten Schlusspunkt des offiziellen Programms. Und während sich das restlos begeisterte Publikum mit stehenden Ovationen für ein außergewöhnliches Konzert bedankt, dankt Juan Cuacci dem Orchester für das gemeinsame Musizieren.

Mehr noch: "Sie haben das Glück, ein solches Orchester zu haben", sagt Cuacci an die Adresse des Publikums und erinnert daran, dass das in einer Stadt dieser Größe keineswegs eine Selbstverständlichkeit sei.

Klar, dass dann noch eine Zugabe fällig wird, ein klassischer Tango in Form von Juan Plazas "Danzarin".