"War der Mann naiv?" Das war die erste Frage, die aus dem Publikum an Hubertus Büschel gestellt wurde. Der in Weitramsdorf aufgewachsene Historiker stellte am Mittwochabend in der vollbesetzten Buchhandlung Riemann sein Buch über Coburgs letzten Herzog Carl Eduard vor ("Hitlers adliger Diplomat"). Einen großen Teil des 50-minütigen Vortrags widmete Büschel dem Wirken Carl Eduards als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, ein Amt, das dieser im Dezember 1933 übernahm.

Das Rote Kreuz war zu diesem Zeitpunkt schon stramm nationalsozialistisch gegliedert und wurde im Lauf der Folgejahre "ein von der SS infiltriertes Sanitätskorps", wie Büschel schreibt. Rotkreuzleute waren beteiligt an der Ermordung tausender Kranker in Vernichtungslagern. Carl Eduard, der DRK-Präsident, half, diese Gräuel vor der Welt zu verschleiern. Sei es in Gesprächen mit Rot-Kreuz-Delegationen aus dem Ausland, sei es auf seinen eigenen Reisen. Aber er muss davon gewusst haben, davon ist Hubertus Büschel überzeugt. Denn Carl Eduard ließ sich monatlich über die Strukturveränderungen im Roten Kreuz berichten. Der vormalige Oberbürgermeister von Coburg, Franz Schwede, nun Gauleiter in Pommern, war der erste, der Massenmorde an psychisch Kranken vornehmen ließ mit Hilfe des Roten Kreuzes. Schwede und Carl Eduard hätten sich häufig in Berlin getroffen, sag t Büschel. Doch ob sie da auch über solche Dinge sprachen, lässt sich nur vermuten.

Was Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha über das Naziregime und seine Auswirkungen für Juden, Behinderte, Andersdenkende wirklich wusste oder dachte, lässt sich weitenteils nur vermuten. Der ehemalige Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha führte in seinen Taschenkalendern zwar eine Art Tagebuch. Doch was er dort vermerkte, sollte offenbar dem Bild entsprechen, das ein überzeugter und hochrangiger Funktionär im NS-Staat der Nachwelt hinterlassen wollte. Da schreib im Wesentlichen einer, der Termine bei Hitler, Goebbels, Himmler und anderen NS-Größen hatte oder mit ihnen zusammentraf. Einer, der in Hitlers persönlichem Auftrag wichtige diplomatische Missionen unternahm, die oft sogar einer gewissen Geheimhaltung unterlagen. Einer, der nicht zweifelte. Wenn sich persönliche Anmerkungen finden, dann die der Begeisterung über den Nationalsozialismus und Hitler: "Führer rührend lieb."

Büschel wollte, wie er ausführte, am Beispiel Carl-Eduards zeigen, wie wichtig die "Täter der zweiten Reihe" für die Stabilität des Hitler-Regimes nach innen und die Verschleierung seiner Taten nach außen waren. Denn als Adliger sei Carl Eduard "Gewährsmann einer alten legitimierten Ordnung" gewesen.

Angeregt zu diesem Buch hatte Büschel zum einen Karina Urbachs Studie über Adlige in ähnlichen Positionen während des NS-Regimes. Neben Carl Eduard schildert die derzeit in Princeton forschende Historikerin in ihrem Buch "Go Betweens for Hitler" Personen wie Stephanie von Hohenlohe oder Max Egon zu Hohenlohe-Langeburg. Das Buch soll im Herbst auf Deutsch erscheinen. Einen weiteren Anstoß gab Harald Sandners Buch "Hitlers Herzog", das akribisch jedes erreichbare Detail aus dem Leben des vormaligen Herzogs auflistet und zahlreiche unbekannte Quellen nennt (allerdings nicht sagt, welche Information im Buch mit welcher Quelle belegt wird). Außerdem habe ihn die Kombination aus Global- und Mikrogeschichte gereizt, sagte Büschel. Deshalb schildert er immer wieder plastische Szenen aus dem Leben des Herzogs und springt dann zur Aufzählungen, was wann wo passierte.

Ob Carl Eduard gezweifelt hat oder nicht, ob die Ideologie auch seine Persönlichkeit prägte oder nicht - wir wissen es nicht. Die Familie scheint das Bild gehabt zu haben, dass Carl Eduard eine eher schwache Persönlichkeit war, der sich von den Nazis hatte verführen lassen mit der Aussicht auf neue Bedeutung im Staate. Denn Carl Eduard, mit 16 Jahren als Brite nach Deutschland importiert, um mit der Volljährigkeit ein deutscher Herzog zu werden, hatte nicht nur diesen Bruch in seiner Biografie hinter sich. Behütet als englischer Prinz aufgewachsen, kam er in eine preußische Kadettenanstalt. Sein Cousin, Kaiser Wilhelm II., machte ihm rasch und wohl auch auf sehr robuste Weise klar, was von ihm erwartet wurde. Diesen Erwartungen suchte Carl Eduard wohl zu entsprechen, bis dahin, dass er im Ersten Weltkrieg öffentlich mit seiner Familie, also dem englischen Königshaus brach.

Nach dem Krieg musste er in Gotha und Coburg abdanken, wenn auch die Coburger Residenzler ihm weiterhin sehr viel Höflichkeit entgegenbrachten. Büschel weist nach, dass Carl Eduard spätestens im Ersten Weltkrieg mit nationalistischem und antisemtischen Anschauungen in Berührung kam und sie übernahm. Er unterstützte militante Gegner der Weimarer Republik wie die Brigade Ehrhardt, förderte Hitler, den er 1922 in Coburg kennenlernte, früh, und reiste später als Hitlers Emissär mehrmals nach England und um die Welt.

Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Kapitulation befragten am 11. April 1945 amerikanische Offiziere Carl Eduard in Coburg. Unter anderem wollten sie wissen, ob er denn als deutsches Staatsüberhaupt zur Verfügung stehen und wie er seine Regierung gestalten würde. "Ja, war denn der Mann naiv?" fragte einer der Zuhörer in der proppenvollen Buchhandlungt. Hubertus Büschel meint: Nein. "Ich sehe das in der Logik des Akteurs." Denn Carl Eduard sah sich wohl nach wie vor als einen , der vermitteln könne. Schließlich soll er kurz vor Kriegsende Vorsitzender eines "Komitees zum Schutz des europäischen Menschentums" geworden sein, um mit den Westalliierten die Lebensbedingungen der deutschen Bevölkerung unter der Besatzung auszuhandeln. Im Übrigen habe auch Göring geglaubt, die Allierten würden ihm zum Regierungschef machen, sagte Büschel.

Das Protokoll des Verhörs befindet sich in einem US-Archiv. Auf diese Quelle habe Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha ihn aufmerksam gemacht, sagte Büschel mit einem Blick auf Prinz Andreas, der in der ersten Reihe saß. Das Haus Sachsen-Coburg und Gotha hat außerdem das eigene Archiv geöffnet und Büschel Carl Eduards Taschenkalender sowie weitere Schriftstücke auswerten lassen, darunter ein Manuskript von Prinz Friedrich Josias, dem jüngsten Sohn von Carl Eduard und Vater von Prinz Andreas. Friedrich Josias hatte selbst geplant, ein Buch über seinen Vater zu schreiben, doch veröffentlicht wurde es nie.


Wie kam es zur Coburger Wegschau-Gesellschaft?

In der Fragerunde zur Lesung ging es weniger um Carl Eduard, sondern um Coburg. "Wieso war man nach 1945 in Coburg nicht kritischer mit Carl Eduard", fragte zum Beispiel Edmund Frey und verwies auf die Ehrerbietungen bei Carl Eduards Begräbnis 1954. Büschels Erklärung: Coburg hatte als erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands genug mit der eigenen Geschichte zu kämpfen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Carl Eduard hätte auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Stadt und ihren Bewohnern selbst erfordert. Der Widerstand gegen die Nazis sei jedoch in Coburg "verschwindend gering" gewesen.

Außerdem war Carl Eduards Witwe, Viktoria Adelheid, in der Stadt hoch angesehen, sagte Büschel - und im Publikum war überzeugtes Nicken zu sehen. Dass die ehemalige Herzogin in den 20er und 30er Jahren selbst als überzeugte Nationalistin und Antisemitin in Erscheinung getreten war, sei da nicht mehr ins Gewicht gefallen. Vieles habe man in Coburg damals auch noch nicht wissen können, meint Büschel: Die Rolle und Einbindung des Roten Kreuzes ins Gewaltregime der Nazis sei erst ab den 90er Jahren aufgearbeitet worden. "Es ist auch eine Frage der Generationen."

Büschel begrüßte es ausdrücklich, dass die Stadt nun ihre Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufarbeiten will. Nötig seien Erklärungen dafür, wie eine hochgebildete Gesellschaft wie die Coburger zu einer "Wegschau-Gesellschaft" werden konnte. Er warb dafür, nicht nur ein Buch zu veröffentlichen, sondern "etwas, das bleibt" zu schaffen, wie ein Museum oder ein Dokumentationszentrum "wie auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden". Für ein solches Dokumentationszentrum könnte es sogar Landes- oder EU-Mittel geben.
Dem stimmte grundsätzlich der in Coburg lebende Historiker Professor Melville zu, Vorsitzender der wissenschaftlichen Kommission, die die Aufarbeitung der Coburger Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begleiten soll. Diese Kommission hat vorgeschlagen (und der Stadtrat hat's beschlossen), dass dieses Forschungsprojekt eine Monographie münden soll, die bestimmte Fragestellungen abdeckt, "weil wir etwas Lesbares brauchen", wie Melville sagte. "Aber das kann erst der Anfang sein."

Denn erst, wenn eine Informationsgrundlage vorhanden sei, könne auch diskutiert werden, wie mit der Coburger Geschichte umgegangen werden soll, sage Melville. "So, wie man jetzt über Carl Eduard diskutieren kann", weil Büschels Buch vorliege. Dann könne aus der Diskussion auch ein Museum oder Ähnliches entstehen, bestätigte der Historiker.


Randnotizen von der Lesung

Unterlagen Schon vor 15 Jahren habe er Carl Eduards Entnazifizierungsakte im Staatsarchiv einsehen wollen, erzählte der Historiker. Der damalige Archivleiter wollte sie aber nicht freigeben, sondern nur auszugsweise vorlesen. Gelächter im Saal. Dafür könnte es archivrechtliche Gründe gegeben haben, sagte Johannes Haslauer, der heutige Leiter des Staatsarchivs. Personen, die in den Akten genannt werden, genießen Datenschutz, teilweise auch noch nach ihrem Tod. Deshalb werden viele Akten erst jetzt der Forschung zugänglich.

Museum Aus der Erforschung der Coburger Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts müsse ein Museum oder Dokumentationszentrum erwachsen, hatte Hubertus Büschel vorgeschlagen. Ein Coburger Stadtmuseum wäre ein solcher Ort, sagte Rupert Appeltshauser, Vorsitzender der Initiative Stadtmuseum. Die Initiative hat vor zwölf Jahren die Ausstellung "Voraus zur Unzeit" erarbeitet, die aufzeigte, wie früh die Nationalsozialisten in Coburg Mehrheiten fanden und was das zur Folge hatte. "Zur Eröffnung des Stadtmuseums kommt Herr Büschel wieder", rief Edmund Frey. "Wenn ich dann noch lebe", antwortete der.

Gegenwart Hubertus Büschel, Deutscher ("und noch dazu aus dieser Stadt", wie er sagte), ist der einzige Professor für Zeitgeschichte in den Niederlanden. Die Niederlande kollaborierten mit den Nazis. Das Königshaus ist mit dem Coburger Herzogshaus verwandt, Königin Juliana kondolierte ihrer Tante Viktoria Adelheid zu Carl Eduards Tod. Büschels Forschungsprojekt in Groningen: eine Globalgeschichte der Psychiatrie.