Den Einstieg machte der Stadtverband mit einer Diskussionsveranstaltung im "Oylnspiegel" in Scheuerfeld. Das Thema zog an einem schwülwarmen Sommerabend immerhin über 20 Interessierte an - und das waren nicht die lokal prominenten SPD-Vertreter aus Stadt und Landkreis. Doris Aschenbrenner, designierte Bundestagskandidatin der SPD im Wahlkreis Coburg-Kronach, übernahm die Moderation.

Eine Rolle, der sie manchmal nur schwer treu bleiben konnte. Denn zum Thema "Arbeit" hat auch die Informatik-Doktorandin mit Schwerpunkt Robotik etwas zu sagen. Das Normalarbeitsverhältnis - Vollzeit, unbefristet, nach Tarif bezahlt - gehört bisher nicht zu ihrer Biografie. Nachwuchswissenschaftler erhalten in der Regel nur befristete Stellen.

SPD-Bundestagsabgeordnete Anette Kramme, Staatsekretärin im Bundesarbeitsministerium, Ulrich Spreen (IG Metall, vormals Gewerkschaft Holz-Kunststoff in Coburg), Betriebsseelsorger Norbert Jungkunz und IHK-Geschäftsführer Sigmar Schnabel bildeten das Podium, das sich im Schnellgang durch die Themenblöcke arbeitete. Es ging um Mindestlohn, Leiharbeit und Digitalisierung der Arbeit; jedes für sich schon abendfüllend.


Pragmatik und Werte

Die Rollen waren schnell verteilt: Anette Kramme durfte darlegen, warum die SPD in der Großen Koalition nicht alles von dem umsetzen kann, was sie als richtig erachtet. Ulrich Spreen unterfütterte die sozialdemokratischen Forderungen mit Zahlen, Norbert Jungkunz war zuständig für die großen Worte: Gerechtigkeit, Zusammenhalt, Solidarität. Dass er mit der "katholischen Soziallehre Gewehr bei Fuß" stehe, hatte bei den lutherisch geprägten Genossen im Saal für Schmunzeln gesorgt. Was damit gemeint war, konnte Jungkunz kurz und in einfachen Worten sagen: Löhne müssen so hoch sein, dass der Mensch davon leben, für seine Familie sorgen und für die Zukunft vorsorgen kann. Der Mindestlohn reicht für all das bei weitem nicht.

Darüber gab es auf dem Podium auch gar keinen Streit. Doch die Wirtschaft brauche Lohnzurückhaltung, wegen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, betonte Sigmar Schnabel als Wirtschaftsvertreter. Nützt auch nichts, erwiderte Spreen, der als Gewerkschaftssekretär den Strukturwandel in der heimischen Möbelindustrie begleitet hatte. Von 70 Betrieben seien 15 übrig; die Polsterer hätten früher mehr verdient als Beschäftigte in der Metallindustrie. Nun seien die Löhne auf die Hälfte geschmolzen (gemessen an der Kaufkraft), "doch das rettet keinen einzigen Betrieb".


Ausbildung hat Vorrang

Schnabel widersprach ausweichend: "Lohnkosten spielen eine Rolle", aber das größere Problem seien die Investitionszuschüsse in anderen Ländern. Der IHK-Geschäftsführer vermied klug Polarisierungen, räumte Schwächen wie den möglichen Missbrauch von Ausnahmeregelungen beim Mindestlohn ein und kritisierte höchst zurückhaltend.

Da ging es zum Beispiel um die Regelung, dass Jugendliche unter 18 nicht zum Mindestlohn beschäftigt werden dürfen. Damit soll erreicht werden, dass Schulabgänger eine Ausbildung absolvieren und nicht als ungelernte Niedriglohnempfänger enden, wie Anette Kramme erläuterte. Dem Ziel stimmte Schnabel zu - "aber es gibt auch Schulabgänger über 18 Jahren", weshalb sich die Wirtschaft eine Erhöhung der Altersgrenze auf 25 Jahre wünsche.


Pro und kontra Leiharbeit

Das blieb dann so stehen, denn es ging weiter zum Thema Leih- und Zeitarbeit beziehungsweise Werkverträge. "Die spalten die Belegschaft", kritisierte Jungkunz - doch so viele sind das gar nicht, wie Schnabel zu belegen suchte: 2000 Zeitarbeitsverhältnisse seien in der Region bekannt, bei 60 000 normalen Stellen. "Persönlich halte ich nichts davon, wenn permanent Leiharbeiter beschäftigt werden". Vor allem, wenn ihr Einsatz - sie werden meist niedriger bezahlt als Stammbelegschaften - ohnehin nichts bringt, wie Ulrich Spreen einwarf. Die Belegschaft eines Schernecker Unternehmens habe bei der Insolvenz zur Hälfte aus Leiharbeitern bestanden. Hier gab es eine kurze Kontroverse: Schnabel verteidigte Leiharbeitsverhältnisse als "wichtiges Instrument der Flexibilisierung" (gedacht sind sie für kurzzeitige Auftragsspitzen), Spreen verwies darauf, dass auch die Tarifverträge inzwischen Möglichkeiten bieten, die Arbeitszeit dem Auftragsvolumen anzupassen.

Leiharbeitsverhältnisse im Betrieb bieten aber noch ein paar andere rechtliche Möglichkeiten, denen das Arbeitsministerium nun einen Riegel vorschieben will: So sollen die Leiharbeiter zur Belegschaft zählen, wenn es darum geht, festzustellen, ob ein Betrieb unter die Mitbestimmung fällt. Ab 2000 Beschäftigten sind in GmbHs paritätisch besetzte Aufsichtsräte zu bilden, und laut Kramme gibt es in der Region mindestens ein Unternehmen, das versucht habe, mit Hilfe von (internen) Leiharbeitsverhältnissen die Beschäftigtenzahl unter dieser kritischen Grenze zu halten.


Kampf um den Achtstunden-Tag

Nicht erfüllt habe sich die Hoffnung, Langzeitarbeitslose über Leiharbeitsverhältnisse zurück in normale Beschäftigung zu bringen, sagte Kramme. Mit Folgen, wie Jungkunz aufzeigte: "Leiharbeiter gehören nie richtig dazu", auch wenn sie jahrelang im gleichen Betrieb arbeiten, und viele müssten befürchten, immer wieder entlassen und neu verpflichtet zu werden, "damit man die Förderungen vom Jobcenter mitnehmen kann".

Alte Probleme, lang bekannt, Gesetzesvorhaben auf dem Weg: Für die Folgen der Digitalisierung gilt das nicht. Welche Folgen die "Industrie 4.0" auf die Arbeit haben wird, lässt sich bislang kaum abschätzen. Spreen, Jungkunz, und Kramme warnten vor den Folgen der räumlichen und zeitlichen Entgrenzung, wenn Arbeitnehmer jederzeit und überall arbeiten können, weil moderne Computertechnik das möglich macht. "Sorgt dafür, dass der Achtstunden-Tag nicht geschleift wird", bat Ulrich Spreen.

"Gesundheitsmanagement wird ein Riesenthema werden", meinte Schnabel, der bat, auch die Chancen zu sehen. "Ich kann nebenher meine Wäsche waschen", gab Aschenbrenner ein Beispiel, dass Heimarbeitsplätze ohne eine feste Bindung an einen Betrieb auch ihre Vorteile haben können. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte mit zur Gründung von Gewerkschaften und SPD; die Entwicklung zur Industrie 4.0 biete der SPD ein neues altes Betätigungsfeld, meint Doris Aschenbrenner. Sie kündigte an, am Thema zu bleiben.