Der Rechtsanwalt, der lange Zeit seine Kanzlei in der Coburger Innenstadt führte, genoss großes Ansehen. Viel Mandanten vertrauten ihm. Daher kam es ihnen auch nicht komisch vor, dass Schmerzensgelder oder Schadenszahlungen, die der Anwalt auf seinem Kanzleikonto verwaltete, mit monatelanger Verspätung ausbezahlt wurden. Oft erhielten sie die Mandanten nach mehr als einem halben Jahr, manchmal erst, nachdem sie mit Strafanzeige oder Mahnbescheiden drohten. Das hatte der Angeklagte bereits am ersten Verhandlungstag eingeräumt.

Etliche Gläubiger, die dem Mann Privatdarlehen gewährt hatten, kamen am gestrigen zweiten Verhandlungstag zu Wort. Die Darlehen umfassten Summen bis zu 40 000 Euro. Immer hatte der Anwalt angegeben, Handwerkerrechnungen für das Haus nicht bezahlen zu können, wofür er kurzfristig und für kurze Zeit Geld brauche. Der Angeklagte war sich am ersten Prozesstag sicher, dass alle Gläubiger von seiner prekären finanziellen Situation wussten. "Sie hätten mir das Geld auf jeden Fall gegeben. Im Zweifelsfall hätte ich mein Haus verkauft, um sie auszuzahlen."

Besonders bitter für den Schwiegervater

Die Darstellung der Zeugen, zumeist gute Bekannte oder Freunde, wichen teilweise von der festen Überzeugung des Angeklagten ab. Einige gaben an, sie hätten sicher kein Darlehen gewährt, wenn sie gewusst hätten, dass er die Frist der Rückzahlung nicht einhalten könne. Andere versicherten, sie hätten ihm wohl aus der Patsche geholfen, allerdings nicht mit so hohen Summen.

Einige Zeugen hätten ihrem Freund aber in jedem Fall aus der Bredouille geholfen. "Ich hätte mir nur gewünscht, dass er die Karten auf den Tisch legt", erklärte einer. "Ich sehe ihn auch jetzt noch als meinen Freund an", sagte eine weitere Geschädigte, die ihm 24 000 Euro geliehen hatte. "Aber diesen hohen Betrag hätte ich ihm nicht gegeben, wenn ich seine wahren Lage gekannt hätte."

Ein Zeuge, der seit 20 Jahren mit dem Anwalt befreundet ist, berichtete, dass dieser ihn im Herbst 2013 um 16 000, später um 8000 Euro gebeten habe. "Ich habe ihm nichts gegeben, weil ich mir damals schon ziemlich sicher war, dass das mit der Rückzahlung nicht klappt."

Bitter ist die Situation des Schwiegervaters. Der alte Herr hatte seinem Ex-Schwiegersohn 14 000 Euro gegeben, wobei er damals wohl schon unter beginnender Demenz litt, so erzählte die gesetzliche Betreuerin. Mittlerweile sei er ein Pflegefall und lebe im Heim. Die Rente reiche nicht aus, deshalb sei nun Sozialhilfe beantragt worden. Die 14 000 Euro sei der Angeklagte ihm noch immer schuldig.

Gemälde statt Geld

Kurios war die Aussage eines Gläubigers, der dem Angeklagten fast 40 000 Euro geliehen hatte. Der Anwalt hatte erzählt, dass er mit dem Gläubiger, einem Enkel eines verstorbenen Expressionisten, ein Museum aufbauen und sich um den Verkauf der Werke kümmern wolle. Einen Teil des Verkaufserlöses bekomme er als Provision. So wollte er Geld akquirieren, um seine Gläubiger auszahlen zu können. Der Enkel des Künstlers will davon nichts gewusst haben: "Ich will das Gesamtwerk meines Großvaters erhalten und ausstellen. Das Museum errichtet die Gemeinde, in der mein Großvater lebte." Dass der Angeklagte beauftragt worden sei, Kunstwerke zu verkaufen, sei ihm nicht bekannt. Die noch fehlenden 4000 Euro des Darlehens hätte er gerne zurück. Notfalls wolle er zwei Kunstwerke - Geschenke seines Großvaters an den Angeklagten - anstelle des Geldes zurücknehmen.
Der Prozess wird heute fortgesetzt.