Lautstark hallt der Premierenjubel durch die Coburger Theaternacht. "Für unser Haus ist diese Uraufführung etwas ganz Besonderes", freut sich Intendant Bodo Busse bei der Premierenfeier und überreicht der Autorin Ruth Johanna Benrath einen üppigen verbalen Blumenstrauß: "Damit haben wir ein weiteres Fähnchen auf der bundesdeutschen Theaterlandkarte platziert." Benraths "Klassenkämpfe" machen es möglich. Denn das Schauspiel, mit dem Benrath das "1. Coburger Forum für junge Autoren" gewonnen hat, ist ein reichlich ambitioniertes Stück, das Darsteller wie Regie vor schwierige Aufgaben stellt.


Viele Themen, viele Klischees

Schließlich packt Benrath in ihr Bühnenwerk ein dickes Bündel an Themen und ebenso viele Klischees. "Klassenkämpfe" - das meint nicht nur den scheinbar unvermeidlichen Kampf zwischen Schülern und Lehrern, sondern auch den Kampf der Generationen, den Kampf der Jugend gegen Gesellschaft, den Kampf Individuum gegen System. Lehrer Fischer (Thomas Straus) ist ein Pädagoge, der auf die Zielgerade einer keineswegs ruhmreichen Karriere einbiegt und sich dennoch für eine Naturbegabung hält ("30 Jahre Fingerspitzengefühl. Grüner Daumen. Der Erzieher als Gärtner"). Fischer, der die angestaubten Ideale der 68er-Generation mit sich herumschleppt, soll seine aus vier Schülern bestehende Klasse auf die Abschlussprüfung vorbereiten.

Das Schüler-Quartett wiederum scheint dem Handbuch der Pennäler-Klischees entsprungen. Alexandra (Eva-Marianne Berger), Beatrice (Karina Pele), Tarek (Oliver Baesler) und Marcel (Ingo Paulick) sind keine Individuen, sondern Typen - von der Streberin bis zum Zyniker, vom Sensibelchen bis zum Jung-Dealer.

Benraths Schauspiel schickt dieses Darsteller-Quintett aus Lehrer und Schülern auf eine Achterbahnfahrt zwischen Hoffen und Bangen. Denn die Begegnung der Schüler mit ihrem neuen Lehrer ist für beide Seiten die letzte Chance.

Benraths Text lässt einerseits Fischer von Adorno, Horkheimer und Hölderlin schwadronieren und versucht sich andererseits immer wieder in Versatzstücken einer Pseudo-Jugendsprache. Gut, dass Regisseurin Judith Kunert und Ausstatterin Carola Volles gemeinsam einen Interpretationsansatz gefunden haben, der viele der überaus detaillierten szenischen Anweisungen bewusst ignoriert und dem Stück buchstäblich einen doppelten Boden beschert. Denn Volles Bühnenbild arbeitet mit zwei Ebenen - oben das stilisierte Klassenzimmer, das einem Versuchskäfig gleicht; darunter das Holzgestänge dieses Podestes, das für die Schüler zum Fluchtort und zum Labyrinth zugleich wird.

Dieses Bühnenbild liefert Judith Kuhnert den passenden Rahmen für eine Inszenierung, die geschickt zwischen Realismus und metaphorischer Überhöhung pendelt und auf diese Weise auch die poetischen Ausflüge der Textvorlage gut einfängt. Den lautstarken Premierenerfolg in der Reithalle verdankt Benraths Schauspiel aber nicht zuletzt dem furiosen Einsatz der Darsteller. Eva-Marianne Berger, Karina Pele, Oliver Baesler und Ingo Paulick füllen die bisweilen doch reichlich sperrigen Dialoge mit intensivem Bühnenleben. Die undankbarste Rolle hat freilich Thomas Straus als Lehrer, der als selbsternannter Seelen-Gärtner einen einsamen Kampf auszufechten hat.

Am Ende gibt es ungetrübten Beifall für Darsteller, Produktionsteam und Autorin.