Die Industrie- und Handelskammer zu Coburg erachtet - um die Energiewende in Deutschland zu schaffen - den Bau einer 380-kV-Leitung als "notwendig" sowie "grundsätzlich unumgänglich". Darauf weist IHK-Präsident Friedrich Herdan in einer Stellungnahme hin. Und: Die in einem im Tageblatt veröffentlichten Leserbrief geäußerte Kritik an früheren, anderslautenden Erklärungen der IHK gehe "ins Leere". Denn diese wurden, wie Herdan betont, vor der Entscheidung der Bundesregierung, die Kernkraftwerke abzuschalten, abgegeben - "also vor einem diametral anderen Hintergrund". Für den Wirtschaftsstandort Coburg ebenso wie für private Verbraucher sei die geplante Leitung von Altenfeld nach Redwitz "existenziell wichtig, um auch nach Abschaltung des KKW Grafenrheinfeld 2015 die Stromversorgung zu gewährleisten".

Die Stellungnahme der IHK im Wortlaut:

"Der Bundestag hat jüngst das Planungsvereinheitlichungsgesetz beschlossen mit dem Ziel, künftig den Infrastrukturausbau zu beschleunigen. Gelingen soll das, indem die Öffentlichkeit bei größeren Infrastruktur-Projekten frühzeitig und transparent eingebunden wird. "Für diese Transparenz und korrekte Informationen setzt sich die IHK zu Coburg auch bei laufenden Infrastrukturmaßnahmen ein", betont IHK-Präsident Friedrich Herdan.

Mit Blick auf die geplante 380-kV-Leitung Altenfeld-Redwitz werden Argumente laut, die die Notwendigkeit dieser Trasse in Frage stellen mit der Begründung, der Stromverbrauch sinke überproportional durch den Einsatz neuer effizienterer Technologien. Richtig ist, dass der Gesamtenergieverbrauch leicht sinkt. Ursächlich hierfür ist u. a. die zunehmende Substitution von fossilen Energieträgern durch technische Einrichtungen wie Wärmepumpen und Elektromobilität. Der Netto-Stromverbrauch in Deutschland ist, abgesehen von kleinen Rückgängen, kontinuierlich gewachsen. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) stieg der Netto-Stromverbrauch der deutschen Haushalte von 134.400 Millionen Kilowattstunden (kWh) im Jahr 2001 auf 136.600 Mio. kWh im Jahr 2011. Die neue 380-kV-Leitung würde das bestehende Netz deutlich entlasten und die Versorgungssicherheit auch in der Zukunft auf dem gewohnten Niveau erhalten.

Bereits heute arbeiten die Netze an der Belastungsgrenze und müssen deshalb bei weiterer EEG-Einspeisung verstärkt werden. "Über die Leitung wird aber nicht nur EEG-Strom transportiert, denn wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, muss Strom, der aus grundlastfähiger Erzeugung stammt, zum Verbraucher transportiert werden." Darauf weist Markus Lieberknecht, Pressesprecher des Netzbetreibers TenneT, hin. Die Leitung sei vor allem auch ein zukunftsweisendes Projekt, das eine Integration des EEG-Stroms erleichtert und damit beiträgt, "dass die Stromproduktion nach und nach von fossilen auf erneuerbare Energiequellen überhaupt umgestellt werden kann".

Die Vermutung, dass über die geplante Trasse Strom aus russischer Provenienz transportiert werden soll, bezeichnet der TenneT-Sprecher als Unsinn. Es gebe weder auf europäischer noch auf nationaler Ebene Planungen für die dafür notwendige Verbindung. "Außerdem gilt auf lokaler wie auf nationaler Ebene, dass EEG-Strom zu 100 Prozent abgenommen und vorrangig in das Netz eingespeist werden muss", so Lieberknecht.

Auch zur Möglichkeit der Aufrüstung der bislang einzigen und heute schon überlasteten 380-kV-Trasse zwischen Ostdeutschland und Bayern (Remptendorf-Redwitz) bestehen Missverständnisse. Diese Leitung wurde 2012 auf thüringischer Seite mit sogenannten Hochtemperaturseilen aufgerüstet. Auf bayerischer Seite wurde die Leitung in den 1990er Jahren schon für eine größere Auslastung gebaut, so dass nunmehr die Transportmöglichkeiten voll ausgeschöpft werden können. Weitere Aufrüstungen sind nicht möglich. Einerseits wären bei einer Betriebsstörung die Auswirkungen auf das nationale und das europäische Stromnetz nicht mehr zu kontrollieren und zum anderen sind auch die Umspannwerkskapazitäten begrenzt.

Schon 2012 formulierte die Kammer in ihrer Stellungnahme an die Regierung von Oberfranken: "Die IHK zu Coburg hält im Zuge der ,Energiewende‘ der Bundesregierung den Neubau von Stromtrassen für notwendig. Daher sehen wir den Neubau der 380-kV-Leitung grundsätzlich als unumgänglich an." "An unserer Auffassung hat sich nichts geändert", so IHK-Präsident Herdan. "Die im Leserbrief vom 8. Mai im Coburger Tageblatt geäußerte Kritik an früheren, anderslautenden Erklärungen aus unserem Hause geht ins Leere. Denn diese wurden vor der Entscheidung der Bundesregierung, die Kernkraftwerke abzuschalten, abgegeben - also vor einem diametral anderen Hintergrund." Für den Wirtschaftsstandort ebenso wie für private Verbraucher sei die Leitung von Altenfeld nach Redwitz existenziell wichtig, um auch nach Abschaltung des KKW Grafenrheinfeld 2015 die Stromversorgung zu gewährleisten."