Wenn man von oben in ein Haus hinein schauen kann, spricht man bei einem Plan von einem Grundriss. Wenn es einmal durchgeschnitten ist, vom Schnitt. Praxisnah und kindgerecht erläutert Lutz Wallenstein am Donnerstag den Vorschulkindern vom Kinderhaus Leo die Entwürfe zum geplanten Bürgerhaus in Wüstenahorn.

Eingeladen hat der Architekt ins Schlick-Gebäude im Steinweg, wo Stadtplanung erlebbar wird. Inmitten der ehemaligen Metzgerei, zwischen Kachelwänden und Wurstmaschinen, haben Architekten und Designer Pläne und Modelle arrangiert - und mit roten, grünen und blauen Lichteffekten die Ursprünglichkeit der alten Wurstfabrik betont.

Zusammen mit ihrer Erzieherin Stephy Beck diskutieren die Fünf- und Sechsjährigen mit Lutz Wallenstein und Stadtplaner Sascha Jenke, der zufällig dazu kam. Die Kinder versammeln sich gleich um das Stadtteilmodell "Wüstenahorn", bei dem sich zwei verschiedene Varianten des geplanten Bürgerhauses einsetzen lassen. Das Kinderhaus Leo erprobt derzeit im Rahmen von "Das Bauprojekt - Vom Projekt zum Bildungskonzept" eine freiere Arbeitsweise.

Welches Modell gefällt besser: das eher konventionelle mit zwei ähnlichen Gebäuden und einem Innenhof oder der modernere Komplex mit dem Fast-Flachdach? Welches passt besser in die Umgebung oder ist vielleicht ein Kontrast sogar bewusst gewählt? Die Kinder sind ganz unterschiedlicher Meinung, favorisiert wird die modernere Version. Ganz genau bemerken sie Gauben und Dachneigungen, Parallelen und Abgrenzungen.

"Wir wollen die Kinder für Architektur interessieren, weil das Gespür für gute Architektur in der Gesellschaft verloren gegangen ist", sagt Lutz Wallenstein. Das beginne im Kindergarten. Denn "malen, schneiden, kleben" können die Kinder auch bei der Gestaltung eines eigenen kleinen Traumhauses lernen, ist der Architekt überzeugt. Die Vorstellungskraft schulen, den Blick aufs Ganze und die Fokussierung aufs Detail seien Ziele des Bauprojekts.

Baukultur ins Leben einbauen, damit schon Kinder sich einbringen können, damit sie formulieren können, was ihnen gefällt und wo sie sich wohlfühlen - das möchte Wallenstein erreichen. So führt er sie auch in den Keller des Hauses, wo er ihnen auf bunten Designersesseln das Sanierungsgebiet Steinweg näherbringt. Eine Powerpointpräsentation entführt die kleinen Coburger in die Geschichte mit spannenden Bildern vom Hahnfluss und dem Verkehr in der heutigen Fußgängerzone, der Blick durchs Fenster offenbart das Postgebäude von hinten und regt die Diskussion an: "Verlief dazwischen der Fluss?"

Nach der etwa einstündigen Veranstaltung, der die Kinder aufmerksam und neugierig folgten, geht's wieder raus an die frische Luft, heimwärts Richtung Kinderhaus - auf den Spuren der alten Pflastersteine, am "Fluss" entlang und mit geschultem Blick auf die Turmuhr.


Was steckt hinter dem "Bauprojekt"?

Das Bauprojekt der Hochschule Coburg: Auf spielerische Art und Weise setzen sich die Kinder mit einem Thema ihrer Lebenswelt auseinander und entdecken Details und Zusammenhänge. Im Rahmen des Bauprojektes beschäftigen sich die Kinder in einzelnen Modulen zum Beispiel mit den Themen Wohnen, Raum oder Stadt. Am Ende des mehrmonatigen Projektes gestalten die Kinder nach eigenen Vorstellungen ein Haus und bauen dieses als Modell.

Teilnehmer im Kindergartenjahr 2015/16: 80 Kinder aus dem Caritas-Kinderhaus Leo, der Marienschule und dem Haus für Kinder am Kastanienbaum in Meeder

Informationen Projektleiterin Ina Sinterhauf, Telefon 09561/317-251 oder per Email:
ina.sinterhauf@hs-coburg.de oder Lutz Wallenstein, Architekt, Telefon 09561/200-282.