"Wir schaffen das", sagte Kanzlerin Angela Merkel, als Deutschland im Sommer 2015 Hunderttausende Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten aufnahm. "Wir machen das", sagen derzeit neun Unternehmen in und um Coburg sowie die Staatliche Berufsschule am Plattenäcker: Unter Federführung der IHK zu Coburg riefen sie das Projekt "1+3" ins Leben. Jugendliche Flüchtlinge lernen insgesamt vier Jahre einen Beruf und die Sprache, erhalten dafür zusätzlichen Unterricht in der Berufsschule und eine Ausbildungsvergütung (siehe Kasten).

Denn so, wie die Integration von Amts wegen abläuft, geht sie IHK-Präsident Friedrich Herdan viel zu langsam - und sie ist wenig effektiv: "Die Leute sitzen zwei Jahre in Integrationskursen, lernen die Sprache, und erst dann erfahren sie, wie es vielleicht weitergeht." Bei "1+3" lernen die Teilnehmer Deutsch auch in Bezug auf ihren künftigen Beruf mit den erforderlichen Fachbegriffen. Während der betrieblichen Ausbildungstage sind sie gezwungen, deutsch zu sprechen. Und sie verdienen eigenes Geld.

Im April 2016 stellte Herdan die Idee erstmals vor, im September startete die erste Klasse mit 17 jungen Männern "zwischen 17 und Ende 20", wie Studienrätin Sabine Wagner berichtet. Schulleiter Anton Staudigl war sofort bereit, sich an dem Modellprojekt zu beteiligen: "Ich bin immer dafür, ausgetretene Pfade zu verlassen." Die zuständigen staatlichen Stellen genehmigten die Klasse und die zusätzlichen Lehrerstunden, aber eine Förderung für die beteiligten Unternehmen gibt es nicht. Sie finanzieren die Ausbildung der jungen Männer aus eigener Kasse.

Trotzdem, sagt Herdan, gebe es inzwischen viele Unternehmen in der Region, die ebenfalls mitmachen wollen. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) habe sogar angekündigt, dass das Modell, sollte es erfolgreich sein, auf ganz Bayern ausgedehnt werde. Auch Bremen habe schon Interesse angemeldet, berichtete Herdan. Es sei deshalb dran gedacht, in der nächsten Runde weitere Berufe aufzunehmen. Bislang können die Teilnehmer nur Metallberufe wie Industrie-, Werkzeug- oder Zerspanungsmechaniker erlernen.

Sowohl Sabine Wagner als auch Michael Wagner, Ausbildungsleiter der Federnfabrik Dietz in Neustadt, konnten von positiven Erfahrungen mit ihren Schützlingen berichten. "Es wird regelrecht Wissen von uns abgesogen - das macht richtig Spaß", erzählte Sabine Wagner. Freilich gibt es auch Probleme: Gerade die jungen Männer, die Frau und Kinder noch in der Heimat haben, leiden manchmal darunter, nun vier Jahre vertraglich gebunden zu sein. Hinzu kommt der unsichere Status, wenn sie nur eine Aufenthaltsgestattung haben. Dann dürfen sie nur einen Teil ihres Lohns behalten und müssen in Sammelunterkünften leben. Nicht alle haben es so gut getroffen wie der 17-Jährige, von dem Michael Wagner berichtet: Der junge Afghane, der in der Federnfabrik Dietz lernt, lebt bei einem Ehepaar in Wildenheid, das ihn auch in seiner Ausbildung unterstützt. Denn die jungen Männer, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, haben dort kaum eine Möglichkeit, für die Schule zu lernen, sagt Sabine Wagner.

Der junge Flüchtling im Betrieb helfe auch, Vorurteile abzubauen, sagt Michael Wagner. Außerdem werden die Auszubildenden von gleichaltrigen "Paten" betreut, so dass sie sich leichter im deutschen Betriebsalltag zurechtfinden. Für Friedrich Herdan ist solches Engagement selbstverständlich: "Gehen Sie davon aus, dass auch Unternehmer so etwas wie ein soziales Gen haben."


Das Projekt "1+3" in Stichworten

Prinzip Kombiniert sind eine dreijährige Ausbildung und ein Jahr Deutschunterricht. Die Besonderheit: Der Deutschunterricht findet parallel zur Ausbildung statt. Diese dauert dadurch insgesamt vier Jahre.

Ausbildung Im ersten Jahr verbringen die Auszubildenden drei Tage pro Woche in der Berufsschule und zwei im Betrieb. Ab dem zweiten Jahr beginnt dann die Ausbildung nach Plan, wobei immer noch eineinhalb Tage Deutschunterricht auf dem Plan stehen. Erst ab dem dritten Jahr verbringen die Azubis drei Tage die Woche im Betrieb.

Beteiligte Die 17 Azubis lernen bei den Firmen Brose, Dietze & Schell, Federnfabrik Dietz, Reichenbacher Hamuel , Lasco, Metallbau Martin, Schumacher, Sinit und Valeo. Die IHK zu Coburg unterstützt mit Qualifikationsangeboten für Ausbilder und Paten in den Betrieben. Unterstützt werden die Betriebe auch von Merouane Qsiyer von der IHK, der sich notfalls auch samstags um die Azubis kümmert.