Streitbar war und ist er, auch mit 89 noch. Der letzte große deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit. So wurde er am Dienstag bei der Autoren-Gala von "Coburg liest" begrüßt. Doch im proppenvollen Foyer der HUK auf der Lauterer Höhe, wo man zum ersten Mal mit den Coburger Literaturtagen logierte, erlebte man am Dienstag einen milden, sich selbst häufig ironisierenden Martin Walser. Der aber - bitte keine falsche Assoziation - ungebrochen Kraft, ja Wucht, ausstrahlte. Walser las mit altersschwächerer Stimme, selbstverständlich, aber entschiedenen Gesten, und wenn sein neues Buch zehnmal "Ein sterbender Mann" heißt.

Dabei hatte er außerdem eine junge Frau. Thekla Chabbi, der Walser "für ihre Mitarbeit an diesem Roman zu großem Dank verpflichtet" ist. Sie las ein Kapitel vor, das von ihr stammt. - Huhu, was raunt und greint und hämt da die ganze Republik (zumindest diejenige, die hier interessiert ist).

Johannes Schmidt vom Organisationsteam der Coburger Literaturtage führte nach der Lesung ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit den beiden, worin Martin Walser gewillt war zu erzählen, wie es zu dieser überraschenden Konstellation kam, die er als Geschenk empfinde.

Martin Walser denkt sich nie einen Roman aus. "Wenn ich wüsste, wie er ausgeht, bräuchte ich ihn ja nicht zu schreiben", sagt er verschmitzt. Ausgedacht hatte er sich zunächst nur die Figur des Theo Schadt, 72 Jahre alt, gescheitert wie viele der Figuren von Martin Walser. Der Unternehmer war von seinem besten, innigsten Freund Carlos Kroll verraten und wirtschaftlich ruiniert worden. Weshalb Schadt jetzt eigentlich nicht mehr leben will und sich mal auf einem Suizidforum im Internet umguckt.

Martin Walser war zu einem chinesisch-deutschen Kongress eingeladen, traf dort die Sinologin Thekla Chabbi und erzählte ein bisschen von seinem Vorhaben. Sie war es, die Walser auf diese Suizidforen hinwies, worauf er ihr schon vorliegende Passagen zum neuen Roman halt mal zum Lesen gab. Was sie davon halte. Sie haut ihm seinen Theo knallhart um die Ohren als viel zu leichtgewichtig angesichts der Schicksale, von denen man auf diesen Suizidforen erfahren könne.

Wie aber Thekla Chabbi das tat, brachte etwas ins Rollen, das die Grenzen von Realität und Fiktion zunehmend lustvoll überspielte. Was wiederum auch den besonderen Kick dieser Lesung am Dienstag in Coburg bewirkte. Mit den beiden taten für einen Moment Hier und Jetzt und Real und Nichtreal einen kleinen Hüpfer, eine eher selten erreichte Wirkung von Literatur, nach der jeder echte Leser aber giert. (Mensch, verlangen Sie doch nicht von mir, so etwas genauer mit Worten zu fassen. Bin ich hier der Schriftsteller, oder was? Und schauen Sie zu, wie Sie mit ihrem Buch zurecht kommen.)


Abenteuertum

Mag man von Martin Walser halten, was man will, oder auch von diesem neuen Roman, der streckenweise kolportageartig klingt, unterlegt ist aber von einem süffisanten Ton, einem Humor, von dem Walser wiederum behauptet, dass er keinen Funken davon besitze. Es ist dieses besondere literarische Abenteuertum, dem Walser sich und seine Leserschaft überlässt, dass seine Figuren sich im Eigenleben entwickeln, dass sich etwas recht unberechenbar abspielt.

Also waren Walser und der Roman auch offen für Thekla Chabbi, die ihm in der Fiktion antwortete als Figur aus dem Suizidforum und als Sina, die wiederum Lichtblitze im alten Theo Schadt auslöst, weshalb er seine Frau nach 38 Ehejahren verlässt. Chabbi habe "eine andere Temperatur" in den Roman gebracht, ihr Stil, ihre Syntax, einfach alles habe gepasst. Weshalb es dann hin und her ging und jeder schauen musste, was nun wieder vom anderen kam. Es war Chabbi, die diese Sina nach Algier schickt, wo sie im Heimatort ihres Vaters auf ihre Wurzeln trifft. Sina entpuppt sich überhaupt als eine ganz andere. Jedenfalls will Theo dann nicht mehr sterben. Aber dafür sterben alle anderen um ihn herum.

Johannes Schmidt fragte Walser kenntnisreich nach berühmten und umstrittenen Momenten seines Lebens, was weitere interessante Geschichten ergab, die hier wiederzugeben jedes Format sprengen würde.
Richtig süß von dem 89-Jährigen fand ich über allem hinweg, dass er sagte, dass ihm jede Souveränität im Schreiben fehle, jede Fähigkeit, eine Stimmungsebene zu wählen, dass er keinen einzigen Satz so schreiben könne, das er aussieht, als sei er von ihm, dass er fern ab jeglichen Humors sei, wie gesagt, und dass er einfach schreibe, was kommt. - Ach deshalb.

Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg am Bodensee, erlebte das Ende des Krieges als Soldat. Er machte in Lindau das Abitur und studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Er arbeitete für den Süddeutschen Rundfunk und promovierte 1951 über Franz Kafka. Sein erster Roman "Ehen in Philippsburg" wurde 1957 ein großer Erfolg. Walser lebte von da an mit seiner Familie als freier Schriftsteller erst in Friedrichshafen und dann in Nußdorf am Bodensee.

In den sechziger Jahren setzte sich Walser wie viele linke Intellektuelle für die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler ein. 1964 war er Zuhörer beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt. Walzer sorgte mit seinen Reden über das eigene Land immer wieder für teils heftige Diskussionen. Als er zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine "Instrumentalisierung des Holocaust" ablehnte, kam es teilweise zu Protesten.

Walsers Helden sind den Anforderungen nicht gewachsen; dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur und setzt ihn in Gegensatz zur angelsächsischen Literatur. Auch mit seinen Theater-Arbeiten hat Walzer immer wieder für heftige Diskussionen gesorgt. wp

Coburg liest Die 13. Coburger Literaturtage enden heute um 20 Uhr im Kunstverein mit der Dichterin Nora Gomringer und dem Schlagzeuger Philipp Scholz und deren Programm "Peng! Du bist tot!".