Ein Drehbuchautor hätte sich die Szene kaum besser ausdenken können: Die Polizei durchsucht gerade die Wohnung eines Verdächtigen, genau in diesem Moment taucht bei ihm der Postbote auf und zückt ein Päckchen aus den Niederlanden. Die Polizei lässt es öffnen und findet darin eine Lieferung Ecstasy - Beweise frei Haus! Was klingt wie eine Filmszene, ist den Beamten der Coburger Kriminalpolizei tatsächlich einmal so passiert, wie Tino Wetzig versichert. Der Kriminalhauptkommissar ist bei der Coburger Kripo für den Bereich "Cybercrime" zuständig und hat dort zunehmend auch mit Drogendelikten zu tun.
Cybercrime oder auch Cyberkriminalität umfasst alle Straftaten, die in Zusammenhang mit dem Internet oder mit Hilfe von EDV-Geräten begangen werden, erläutert Tino Wetzig im Gespräch mit dem Tageblatt. Seit 2014 gibt es dafür bundesweit extra Arbeitsbereiche bei jeder Polizeiinspektion, so auch in Coburg.


Waffen, Betrug, Mobbing

Nicht nur die Fallzahlen gingen stetig nach oben, auch die Fälle selbst seien zunehmend "deliktübergreifend", sprich, der Cyberkriminelle begeht gleich mehrere Straftaten in einer. Sei es früher hauptsächlich um das Hacken fremder Computer oder Daten beziehungsweise Bestellungen unter falschem Namen gegangen, hat sich die Cyberkriminalität heute längst auf viele weitere Gebiete ausgedehnt: Waffen, Betrug und Hehlerei, aber auch Kinderpornografie, Cybermobbing und eben Rauschgifthandel. "Es betrifft sämtliche Deliktbereiche und wird uns immer mehr beschäftigen", sagt Tino Wetzig. Gerade im Rauschgifthandel werde von den Dealern zunehmend der Weg über Packstationen beziehungsweise - wie im eingangs geschilderten Fall - über die Post gewählt.
Derzeit besteht der Arbeitsbereich Cybercrime in Coburg aus Tino Wetzig und zwei weiteren Kollegen. 600 bis 700 Fälle aus Coburg, Kronach und Lichtenfels bearbeiten die drei Polizeibeamten durchschnittlich pro Jahr - Tendenz: steigend. Dass es in näherer Zukunft ein eigenes Kommissariat für Cyberkriminalität geben wird - ja, wohl geben muss - ist längst kein Geheimnis mehr.
Zur Unterstützung der Beamten wurden in den letzten Jahren bayernweit sogenannte Cybercops eingestellt. "Das sind Leute aus der freien Wirtschaft mit IT-Hintergrund", erklärt Tino Wetzig. Auch Coburg hat bald seinen eigenen Cybercop - er wird zum 1. Mai seine Ausbildung abschließen. "Er wird Fälle mit uns abarbeiten, kann aber auch tiefere Recherchen anstellen, die wir nicht leisten können - zum Beispiel Trojaner genauer untersuchen."


Datenauswertung kostet Zeit

Daneben gibt es noch die Regionale Beweisauswertungseinheit (RBA), die beispielsweise Laptops analysiert. Die RBA sitzt zentral in Bayreuth, hat aber als "Ableger" auch zwei Mann in Coburg stationiert, mit denen Tino Wetzig und seine Kollegen eng zusammenarbeiten. "Die auszuwertenden Gegenstände werden vom Datenvolumen her immer größer, das kostet sehr viel Zeit."
Das Problem, selbst bei kleineren Delikten wie Kreditkartenmissbrauch oder Hacking von Kundenkonten: Oft gibt es keine Ermittlungsansätze, weil unter einer E-Mail-Adresse nicht notwendigerweise die echten Daten des Täters hinterlegt sind. Die IP-Adresse (eine Zahlenfolge, die dem jeweiligen EDV-Gerät zugewiesen wird, damit es im Datenaustausch erreichbar ist) sei oft der einzige Ermittlungsansatz. Und selbst der ist flüchtig, denn die IP-Adresse wird nur für kurze Zeit gespeichert.
Nicht verwunderlich also, dass Tino Wetzig bei der Frage nach der Aufklärungsquote etwas gequält lächelt: "Keine 50 Prozent!" Aussicht auf Besserung besteht aus seiner Sicht nicht. Je komplizierter die Entwicklung wird, desto komplizierter wird es für die Ermittler, sich dieser Entwicklung anzupassen. "Alle paar Wochen kommt ein Anzeigeerstatter mit einem neuen Programm auf dem Rechner - das ist brutal! Der ganze Computerbereich ist viel zu schnell", sagt Wetzig.
Immerhin, eine Schwachstelle gibt es doch: "Der beste Ansatzpunkt für uns ist, wenn der Täter aus der virtuellen in die reale Welt kommt" - zum Beispiel dann, wenn er sich Dinge an eine Packstation liefern lässt, die er mit gefälschten Daten bestellt hat. So lief es bei jenem Internet-Betrüger aus dem Landkreis Coburg, den die Kripo im September festgenommen hatte - quasi auf frischer Tat, kurz vor der Abholung seiner Lieferung (das Tageblatt berichtete). In dieser Größenordnung gebe es rund 20 Fälle im Jahr, sagt Tino Wetzig.


"Basic-Regeln" beherzigen

Gerade weil das Risiko, einem Internet-Betrüger auf den Leim zu gehen, heute so hoch ist, könne er nicht verstehen, warum so viele Nutzer derart sorglos mit ihren Daten umgehen. Dazu gehörten auch Kinderbilder, die gern in den sozialen Medien gepostet werden. "Was einmal im Internet im Umlauf ist, hat man nicht mehr unter Kontrolle."
Zumindest die "Basic-Regeln" sollte man als Internet-Nutzer beherzigen, rät Tino Wetzig: eine aktuelle Virensoftware verwenden, Passwörter niemals auf verlinkten Seiten eingeben (Phishing-Mails) und ausreichend komplizierte und vor allem unterschiedliche Passwörter verwenden.