Sollte der getötete Wolfgang R. bereits nach den ersten Faustschlägen der Täter bewusstlos gewesen sein, sei möglicherweise das Mordmerkmal "grausam" nicht erfüllt. So stehe es allerdings in der Anklageschrift. Darauf wies gestern der Vorsitzende Richter Gerhard Amend im Prozess des Beiersdorfer Auftragsmordes hin. Denn in diesem Fall habe das Opfer gar nicht mehr mitbekommen wie er mit Fußtritten zu Tode getreten wurde.
Amend gab weitere rechtliche Hinweise die die Verteidiger und der Oberstaatsanwalt in ihre Überlegungen zu den Plädoyers mit einbeziehen sollten. Am Donnerstag, 12. Februar, soll es soweit sein.
Zum Tatgeschehen im Kanonenweg, wo die beiden Angeklagten Peter G. und Paul K. dem Opfer vergeblich versucht hatten, eine "Abreibung" zu verpassen, meinte Amend, dass es sich dabei wohl um versuchte gefährliche Körperverletzung handle. Für "Hinterlist" sehe er zu wenig Anhaltspunkte.
Im Hinblick auf das Geld, das am Tatort entwendet wurde, spiele eine Rolle, dass während des Diebstahls das Opfer als hilflose Person in einem anderen Zimmer zurück gelassen wurde. Auch stelle sich die Frage, ob die Tötung wegen des Geldes erfolgte, das Wolfgang R. tagsüber eingesammelt hatte.

Imponiergehabe?

Möglicherweise kommen bei Peter G. und Paul K. auch "niedere Beweggründe aus Imponiergehabe" zum Tragen. Denn nach Aussage von Peter G. soll der Angeklagte Helmut S. ihn unter Druck gesetzt haben - sinngemäß mit den Worten: "Wenn Du keine Eier in der Hose hast, machen es eben die Engel."
Für Maria und Helmut S. könnten die Vorfälle im Kanonenweg mit "Anstiftung zur gefährlichen Körperverletzung" enden.
Was das Geschehen in Beiersdorf betrifft, sieht Amend aus rechtlicher Sicht bei ihr eine gefährliche Körperverletzung in Mittäterschaft oder Anstiftung. Bei Helmut S. könnte der Vorwurf der Mittäterschaft entfallen und auf Anstiftung zur gefährliche Körperverletzung lauten. "Möglicherweise halte ich den Zusatz ,mit Todesfolge' aus rechtlicher Sicht nicht naheliegend", erläuterte Amend.

Leberzirrhose ja, aber...

Gestern war auch der Gutachter Cornelis Stadtland ein weiteres Mal geladen, um über den Gesundheitszustand von Helmut S. zu berichten. Der Angeklagte hatte behauptet, an Leberzirrhose im Endstadium zu leiden und klagte über große Schmerzen. Stadtland bestätigte erneut die Leberzirrhose, wies jedoch darauf hin, Helmut S. nicht lebensgefährlich erkrankt sei. Mit einem gesunden Lebensstil könne er durchaus noch lange leben. "Die Haft tut ihm also gut?", fragte Gerhard Amend, was Stadtland nur bestätigen konnte, da Helmut S. seither abstinent lebt und sich sein Gesundheitszustand verbessert hätte.
Die Auswertung der Handys der vier Angeklagten brachte keine neuen Erkenntnisse. Der Polizist, der die Kontakte untereinander - ob telefonisch oder per SMS - herausgefiltert hatte, erläuterte, dass zwischen Peter G. und Paul K., sowie beiden beiden Helmut S. mehrere Telefonate stattfunden hätten. In Verbindung mit der Computerauswertung vom "Clou" wurde festgestellt, dass bereits am 10. Dezember im "Clou" per Googlemaps nach dem Eichenweg in Beiersdorf gesucht wurde. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Peter G. bei Helmut S. auf und hatte Kontakt mit Paul K.
Auf Antrag des Oberstaatsanwalts wurden die Einträge der Angeklagten ins Bundeszentralregister verlesen: Peter G. hat 18 Einträge wegen krimineller Vergehen (Körperverletzung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz), Paul K. zwei, Helmut S. vier und Maria S. keinen.