Nach einer berauschenden Vorrunde kam das Aus für das DHB-Team im Achtelfinale bei der Weltmeisterschaft in Frankreich quasi aus dem Nichts. Die 20:21-Niederlage gegen Katar hat die deutsche Nationalmannschaft nicht nur jäh aus allen Titelträumen gerissen, sondern beendet auch die vierjährige Ära von Trainer Dagur Sigurdsson. Wie denken Spieler, Trainer und Funktionäre aus der Region über das bittere und unerwartete Ausscheiden?


Gorr: Ausscheiden nicht erwartet

Die Bundesliga-Mannschaft des HSC 2000 Coburg hat nach ihrem eigenen Testspiel in Helmbrechts bei einem Public-Viewing mitgefiebert. "Das Ausscheiden habe ich natürlich nicht unbedingt erwartet", sagt HSC-Trainer Gorr. "In der zweiten Halbzeit sah es so aus, als könnte nichts mehr anbrennen. Dann gab es zwei, drei leichtsinnige Fehler und dass so etwas auf diesem Niveau hart bestraft wird, hat man dann leider gesehen."

Die beiden Torhüter, Andreas Wolff und Danijel Saric, nahm Gorr als überragend wahr - wobei er Wolff noch einen Tick stärker sah. Auch aus seinen Paraden sei zu wenig Kapital geschlagen worden. "Über 60 Minuten hat man es nicht geschafft, die Überlegenheit richtig auszuspielen. Katar war limitiert, hatte keinen Linkshänder im Rückraum. Den deutlich breiteren Kader hätte man für ein höheres Spieltempo nutzen müssen. Es gab einfach zu wenige Tempogegenstöße", analysiert Gorr.

Eine umstrittene und spielentscheidende Szene gab es zwei Minuten vor Spielende, als Holger Glandorf gefoult wurde und danach ein verteidigender Spieler aus dem Kreis kam.


"Schwerwiegender Pfiff"

Die Schiedsrichter sahen dies nicht und entschieden stattdessen auf ein Stürmerfoul von Paul Drux. "Das war auch aus meiner Sicht eine klare Fehlentscheidung. In dieser Spielsituation war das ein extrem schwerwiegender Pfiff", sagt Gorr, fügt aber an: "Man hatte davor 57 Minuten Zeit, das Spiel in eine Richtung zu lenken, bei der ein solcher Pfiff keinen Einfluss mehr auf den Spielausgang hat. Also die Schlussfolgerung, dass dieser Pfiff das Weiterkommen gekostet hat, wäre falsch."


Ein unglückliches Ende

Die Zeit von Bundestrainer Dagur Sigurdsson bewertet Gorr trotz des unglücklichen Endes als insgesamt sehr positiv: "Er hat extrem viel für die positive Weiterentwicklung des Handballs in Deutschland getan. Insbesondere der fantastische Europameistertitel wird immer mit seinem Namen verbunden sein."



Stimmen zum Scheitern der DHB-Auswahl


Sarah Mustavic (Jugend-Nationalspielerin aus Coburg): Ich denke viele Handball-Fans sind seit Sonntagabend sprachlos und enttäuscht. Keiner hätte mit so einer frühen Niederlage gerechnet, ich genauso wenig, da ich Deutschland momentan sehr gut finde und sich die Mannschaft stark entwickelt hat. Meiner Meinung nach hätten sie es noch sehr viel weiter bringen können. Man sollte sich bei der WM nicht viele Fehler erlauben und bei einem knappen Spiel einen kühlen Kopf behalten. Sie können nur daraus lernen und nach vorne blicken. Trotz allem sind die "Bad-Boys" unsere Sieger der Herzen. Nun drücke ich natürlich meinen Jugos aus Kroatien die Daumen.

Florian Billek (Handballprofi beim Erstligisten HSC Coburg): Ich finde die Bad Boys haben bis zum gestrigen Spiel eine sehr gute WM gespielt, besonders herausragend war natürlich das Spiel gegen die Kroaten. Die Niederlage gegen Katar war aus meiner Sicht absolut nicht vorauszusehen und tut natürlich weh. Man hat klar gesehen, dass die Deutsche Mannschaft von der Spielanlage eigentlich klar überlegen ist, sie haben es aber versäumt beim Stand von 17:13 den Sack zuzumachen und wurden dann durch die individuelle Klasse von Saric und Capote geschlagen.
Die Schiedrichterleistung war sicherlich nicht besonders gut, insbesondere der katastrophale Pfiff gegen Paul Drux, aber das war definitiv nicht der Hauptgrund für die Niederlage. Von einer Verschwörung zu reden, ist da nicht der richtige Weg. Trotz allem bin ich sicher, dass wir an dieser jungen Mannschaft noch viel Freude haben werden. Titel werden in dem kommenden Jahren nur über Deutschland gehen, wir sind wieder in der Weltspitze angekommen.

Wolfgang Gremmelmaier (Vorstand VR-Bank Coburg und Handballfan): Das Aus kommt ziemlich überraschend. Es ist halt schwer, ein ganzes Turnier ohne ein schwächeres Spiel durchzuspielen, und wenn das in einer KO-Runde passiert, ist es halt vorbei. Man sieht das ja auch bei Dänemark. Normalerweise hat die deutsche Mannschaft mehr Qualität als Katar, aber zum Schluss hat vielleicht ein wenig die Abgezocktheit gefehlt. die Mannschaft gehört ja immer noch zu den jungen bei dieser WM. Man hat in den letzten Minuten gemerkt, dass sie zu viel Respekt vor Saric bekamen. Auf der anderen Seite - man sollte mal die Regeln bei Spielerwechseln von einem zum anderen Verband überdenken. Ich würde gerne wissen, welcher Aufschrei durch die Medien ginge, wenn Katar bei der Fußball-WM 2022 Neuer, Hummels, Thiago, Messi, Neymar und andere einfach einbürgert und mit dieser Mannschaft antritt.

Walter Uebel (HG Hut/Ahorn) seit Jahrzehnten im Handball engagiert und Mitautor einer Geschichte des Coburger Handballs: Für mich sollte die Handball-WM eigentlich erst mit dem Viertelfinale so richtig beginnen. Und es war ja auch alles bestens angerichtet. Mit den nachnominierten Holger Glandorf und Hendrik Pekeler war laut Bundestrainer Dagur Sigurdsson die perfekte Mannschaft gefunden. Jetzt also das eigentlich völlig unerwartete Aus. Woran sind unsere "Bad Boys" gescheitert? An der zu glatt verlaufenen Vorrunde, am Spielmodus, an den Schiedsrichtern? Paul Drux hat es auf den ebenso einfachen wie richtigen Nenner gebraucht: "Wir haben zu wenig Tore erzielt."
Da helfen dann auch ein überragender Torhüter und eine Weltklasseabwehr nicht mehr. Nun kann man nur hoffen, dass für die Zukunft die üblichen Floskeln auch greifen: "Große Mannschaften lernen aus Niederlagen.
Der Blick geht nach vorne auf die WM 2019 und Olympische Spiele 2020, dann mit einem neuen Bundestrainer." Ein schwacher Trost bleibt vielleicht, auch Dänemark ist als verlustpunktfreier Gruppensieger gegen den Vierten der deutschen Gruppe Ungarn ausgeschieden.